Zusammenfassung
Das Weingut Kress in Überlingen am Bodensee ist ein Familienbetrieb im wohl ungewöhnlichsten Weinbaugebiet Deutschlands: Der Bodensee ist zugleich die südlichste und die höchstgelegene deutsche Weinbauregion. Auf rund 32,5 Hektar zwischen Überlingen und Hagnau wachsen vor allem Burgundersorten – Weißburgunder, Grauburgunder und Spätburgunder – dazu Müller-Thurgau, Auxerrois und Chardonnay. Kristin und Thomas Kress machten sich 2001 selbstständig; seit 2013 bewirtschaftet die Familie zusätzlich die historischen Rebflächen des Überlinger Spital- und Spendfonds. Der Stil ist handwerklich, trocken und sortentypisch – Weine, die die kühle, seenahe Handschrift ihrer Herkunft tragen.
Geschichte
Der Weinbau gehört bei den Kress seit drei Generationen zur Familie. Lange lieferten sie ihre Trauben an den Winzerverein Hagnau, eine der ältesten Winzergenossenschaften Badens. 2001 wagten Kristin und Thomas Kress den Schritt in die Selbstständigkeit und begannen, ihre Weine unter eigenem Namen auszubauen und zu vermarkten – zunächst von Hagnau aus.
Die entscheidende Weichenstellung kam 2013. Der Spital- und Spendfonds Überlingen, eine Stiftung des öffentlichen Rechts, schrieb die Bewirtschaftung seiner Rebflächen öffentlich aus. Es handelt sich um eine der größten zusammenhängenden Rebflächen der Bodenseestädte, deren Weinbautradition bis ins Mittelalter zurückreicht – mittelalterliche Kellergewölbe in der Überlinger Altstadt zeugen bis heute davon. Der Gemeinderat entschied sich nach festgelegten Kriterien für die Familie Kress. Seither firmiert der Betrieb von Überlingen aus; ein Teil der Weine wird als spitälischer Wein aus Überlingen vermarktet.
Mit dem Wechsel rückte auch die nächste Generation nach: Viola, Johannes und Steffen Kress arbeiten im Betrieb mit. Viola Kress verantwortet Verwaltung und Vertrieb und brachte dafür internationale Erfahrung aus Stationen in Hongkong und London mit. Die Vinothek in der Mühlbachstraße in Überlingen ist heute Anlaufstelle für Verkostungen und Beratung.
Lage & Terroir
Der Bodensee ist ein Sonderfall im deutschen Weinbau: südlichste und zugleich höchstgelegene Weinbauregion des Landes. Die Reben von Kress stehen in Höhen von etwa 400 bis 500 Metern – Lagen, die in anderen Anbaugebieten längst zu kühl wären.
Ausgleich schafft der See selbst. Die riesige Wassermasse wirkt als Wärmespeicher: Sie mildert Spätfröste im Frühjahr, hält die Nächte im Herbst länger warm und verlängert damit die Reifezeit. Hinzu kommt der Föhn, der warme Fallwind aus den Alpen, der für zusätzliche Sonnenstunden und trockene Luft sorgt. Das Ergebnis ist ein mildes, aber nie heißes Klima – ideal für Weine mit klarer Frucht und lebendiger Säure.
Die Weinberge verteilen sich auf mehrere voneinander getrennte Bereiche zwischen Überlingen und Hagnau, die sich in Bodenstruktur und Ausrichtung deutlich unterscheiden. Prägend sind die von den eiszeitlichen Gletschern hinterlassenen Moränenböden mit ihrem Gemisch aus Kies, Sand, Lehm und Geröll – Böden, die gut durchlüftet sind und Wasser dosiert abgeben.
Stil & Philosophie
Kress versteht sich als handwerklicher Familienbetrieb und stellt die Sortentypizität in den Mittelpunkt: Die Weine sollen zeigen, was Rebsorte und Bodensee-Herkunft hergeben, nicht was der Keller draufsetzt. Der weit überwiegende Teil des Sortiments ist trocken ausgebaut.
Im Weinberg setzt die Familie auf eine ausgeprägte Dauerbegrünung: Zwischen den Rebzeilen wächst nach eigener Darstellung eine breite Pflanzenvielfalt, die den Boden lockert, Stickstoff bereitstellt und Lebensraum für Insekten schafft. Eine formelle Bio-Zertifizierung führt das Gut nicht, wohl aber den Anspruch, im Einklang mit dem Naturraum Bodensee zu arbeiten. Selektive Lese und schonende Verarbeitung gehören zum Selbstverständnis.
Stilistisch stehen die Weißweine für Zug und Klarheit statt Opulenz – eine Handschrift, die der Weinkritiker Stuart Pigott mit den Begriffen Eleganz und Dichte beschrieben hat. Bei den Rotweinen, allen voran dem Spätburgunder, geht es um Frucht und feine Struktur, nicht um Wucht.
Bekannte Lagen & Weine
Das Sortiment ist überschaubar und klar sortiert. Den Kern bilden die Burgundersorten:
- Weißburgunder und Grauburgunder – die Aushängeschilder des Guts, trocken und straff
- Auxerrois – eine am Bodensee typische, mit dem Weißburgunder verwandte Spezialität
- Müller-Thurgau – die klassische Bodensee-Sorte, leicht und fruchtbetont
- Chardonnay, darunter ein Wein aus der Lage Goldbach
- Spätburgunder als Rotwein und als Rosé
- die Rotwein-Cuvée Fetter Schnitt
- dazu Riesling, Sekt, Perlwein und Brände
Ergänzt wird das Angebot durch Lagenweine und Sonderabfüllungen; ein Teil der Weine trägt den Bezug zum Überlinger Spital.
Auszeichnungen
Der bislang größte internationale Erfolg gelang der Rotwein-Cuvée Fetter Schnitt: Sie wurde beim Concours International de Lyon 2021 aus mehreren tausend eingereichten Weinen als bester Wein des Wettbewerbs ausgezeichnet – eine seltene Auszeichnung für ein deutsches Weingut und erst recht für den Bodensee. Auch ein Chardonnay aus der Lage Goldbach des Jahrgangs 2015 wurde international hoch bewertet.
Darüber hinaus wird das Gut regelmäßig in den einschlägigen Weinführern und Wettbewerben geführt und gilt als eine der prägenden Adressen des Weinbaus am Überlinger See.
