Zusammenfassung
Masi Agricola aus Gargagnago in der Valpolicella Classica ist einer der bekanntesten Namen des italienischen Rotweins – und untrennbar mit dem Amarone verbunden. Seit sechs bis sieben Generationen führt die Familie Boscaini das Haus, dessen Name auf die historische Lage „Vaio dei Masi“ zurückgeht. Was Masi über die Region hinaus prägend gemacht hat, ist die systematische Arbeit an der Appassimento-Methode: dem wochenlangen Antrocknen der Trauben, das den Weinen Konzentration, Süße im Extrakt und die typische Bittermandel-Note gibt. Mit Campofiorin (1964) und den Einzellagen-Amarone Costasera, Mazzano und Campolongo di Torbe hat Masi zudem Weintypen etabliert, die heute die ganze Zone prägen.
Geschichte
Die Geschichte der Familie Boscaini in Gargagnago beginnt gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Um 1772 erwarb die Familie eine erste Parzelle im kleinen Tal „Vaio dei Masi“ – aus dem Flurnamen wurde später der Markenname. Über Generationen blieb der Betrieb ein klassisches Valpolicella-Weingut, bis er im 20. Jahrhundert schrittweise zu einem der Motoren der Region wurde.
Den entscheidenden Impuls setzte Sandro Boscaini, der 1978 die Leitung von seinem Vater übernahm und in der Weinwelt den Beinamen „Mr. Amarone“ bekam. Schon zuvor hatte das Haus zwei Weichen gestellt, die bis heute nachwirken: 1964 kam Campofiorin auf den Markt – ein Valpolicella, der ein zweites Mal auf den Trestern angetrockneter Trauben vergoren wurde und damit als Vorläufer der heutigen Ripasso-Weine gilt. Und bereits Ende der 1950er-Jahre füllte Masi mit Campolongo di Torbe einen Amarone aus einer einzigen, namentlich genannten Lage ab, was in Italien damals unüblich war.
1973 begann die bis heute bestehende Zusammenarbeit mit den Conti Serègo Alighieri, den Nachfahren des Dichters Dante Alighieri, deren Gut in Gargagnago auf das 14. Jahrhundert zurückgeht. Später kamen weitere Betriebe und Beteiligungen im Veneto, im Trentino, in Friaul, in der Lombardei und in Argentinien dazu. Seit 2015 ist die Masi Agricola S.p.A. an der Mailänder Börse notiert – die Familie Boscaini hält weiterhin die Kontrolle.
Lage & Terroir
Gargagnago liegt in der Valpolicella Classica, der historischen Kernzone nördlich von Verona zwischen Gardasee und der Lessinia. Die Landschaft besteht aus einer Folge kleiner Täler („vaio“), deren Hänge nach Süden und Südwesten geöffnet sind. Die besten Parzellen liegen in Hügellagen zwischen etwa 250 und 450 Metern Höhe.
Die Böden sind überwiegend kalkhaltig, vielerorts mit vulkanischem Einschlag und tonigen Verwitterungsschichten der eozänen Mergel. Diese Kombination liefert Weine mit Struktur und feiner Säure – Voraussetzung dafür, dass ein so konzentrierter Wein wie Amarone nicht plump wirkt. Der Gardasee im Westen mildert die Temperaturen, während die kühle Nachtluft aus den Bergen für den Aromaerhalt sorgt. Für die Appassimento ist zudem die Belüftung der Trockenräume entscheidend: Die Trauben verlieren dort über etwa 100 bis 120 Tage einen großen Teil ihres Wassers, bevor sie gekeltert werden.
Stil & Philosophie
Kern der Masi-Philosophie ist die Überzeugung, dass die Appassimento kein Relikt, sondern eine eigene önologische Disziplin ist. Dafür gibt es seit den 1980er-Jahren die Masi Technical Group, ein internes Forschungsteam aus Agronomen und Önologen, das Trocknungsverläufe, Traubenselektion, Hefen und Ausbau untersucht. Aus dieser Arbeit stammen unter anderem hauseigene Hefestämme, die die früher monatelange Gärung deutlich verkürzen und so frischere, weniger oxidative Amarone ermöglichen.
Stilistisch sucht Masi die Balance zwischen Wucht und Trinkfluss: dichte, dunkle Frucht, Rosinen- und Kirschnoten, Gewürze und die für die Zone typische Bittermandel im Nachhall – aber getragen von Säure statt von reiner Süße. Ein zweiter roter Faden ist die Arbeit mit autochthonen Sorten. Neben Corvina, Rondinella und Molinara hat Masi vor allem die fast ausgestorbene Oseleta wieder in die Weinberge zurückgeholt; sie liefert Farbe, Tannin und Würze und ist heute in den Valpolicella-Denominationen als Verschnittsorte zugelassen.
Bekannte Lagen & Weine
- Costasera Amarone della Valpolicella Classico DOCG – der bekannteste Amarone des Hauses, aus nach Südwesten zum Gardasee geneigten Hanglagen
- Mazzano – Einzellage in der Gemeinde Negrar auf rund 400 Metern, kühl und windexponiert; ein besonders straffer, mineralischer Amarone in kleiner Menge
- Campolongo di Torbe – Einzellage auf Kalk- und Vulkanverwitterungsböden, runder und samtiger als Mazzano
- Campofiorin – Rosso Veronese IGT, der 1964 eingeführte Klassiker und Vorbild der Ripasso-Kategorie
- Serègo Alighieri – eigene Linie vom historischen Gut der Dante-Nachfahren, unter anderem Amarone und der Recioto „Casal dei Ronchi“
- Recioto della Valpolicella Classico DOCG – der süße Traditionswein der Zone aus denselben angetrockneten Trauben
Auszeichnungen
Masi gehört seit Jahrzehnten zu den konstant hoch bewerteten Adressen Italiens. Der Costasera Amarone erreicht in internationalen Verkostungen regelmäßig Bewertungen um die 90 bis 94 Punkte; ein Amarone der Linie Serègo Alighieri wurde 2015 in der „Top 100“-Liste des Wine Spectator sehr weit vorn platziert, und das Haus wurde vom selben Magazin als „Critics' Choice Winery“ ausgezeichnet. Auch in den italienischen Führern (Gambero Rosso, Bibenda, Veronelli) sind die Spitzenweine dauerhaft präsent.
Über den Wein hinaus wirkt das Haus kulturell: Aus den Überlegungen von Sandro Boscaini und Freunden entstand 1981 der Premio Masi für Persönlichkeiten mit venetischen Wurzeln, der seit 2001 von der eigens gegründeten Fondazione Masi vergeben wird – ein ungewöhnliches Beispiel dafür, wie eng ein Weingut mit der Identität seiner Region verbunden sein kann.
