Zusammenfassung
Castello Banfi ist eines der größten und einflussreichsten Weingüter der Toskana – und zugleich eine der ungewöhnlichsten Erfolgsgeschichten des modernen italienischen Weins. Ende der 1970er-Jahre kauften die italoamerikanischen Brüder John und Harry Mariani Land im dünn besiedelten Süden von Montalcino und bauten dort binnen weniger Jahre ein Gut von rund 2.900 Hektar auf, von denen heute etwa 850 Hektar mit Reben bestockt sind. Herzstück ist der Brunello di Montalcino aus Sangiovese, ergänzt um Rosso di Montalcino und internationale Sorten unter der Sant'Antimo DOC. Bekannt wurde Banfi weit über die Region hinaus durch systematische Forschung: Zonierung der Böden, Klonselektion von Sangiovese und die selbst entwickelten „Horizon“-Gärbehälter aus Stahl und Holz.
Geschichte
Die Wurzeln des Guts liegen nicht in der Toskana, sondern in New York. Dort führte die Familie Mariani ein großes Weinimport-Unternehmen, das in den 1970er-Jahren mit italienischem Lambrusco enorme Erfolge in den USA feierte. Mit diesem Kapital im Rücken suchten John und Harry Mariani nach einem eigenen Weingut in Italien – und entschieden sich 1978 für Montalcino, damals noch eine stille, wirtschaftlich schwache Ecke der Toskana mit nur einer Handvoll Brunello-Erzeugern.
Die Brüder kauften über mehrere Jahre hinweg Parzellen zusammen, bis das Gut Anfang der 1980er-Jahre seine heutige Größe erreichte. 1983 kam auch das Castello di Poggio alle Mura hinzu, eine mittelalterliche Burg, die im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden war und über Jahre aufwendig restauriert wurde. Der Name „Banfi“ geht auf eine Tante der Familie zurück.
Entscheidend für die fachliche Ausrichtung war der Önologe Ezio Rivella, der das Projekt von Beginn an begleitete und aus dem Neubau eine der modernsten Kellereien Italiens machte. Heute wird das Unternehmen von Cristina Mariani-May geführt; das Gut ist weiterhin vollständig in Familienbesitz.
Lage & Terroir
Castello Banfi liegt im Süden der Gemeinde Montalcino, in Richtung des Ombrone-Tals und der Maremma. Dieser Teil der Appellation ist wärmer, trockener und mediterraner geprägt als die kühleren Nordhänge rund um den Ort Montalcino selbst. Die Nähe zum Tyrrhenischen Meer sorgt für gute Belüftung und stabile Reifebedingungen, der Monte Amiata im Süden schirmt die Weinberge gegen Unwetter ab.
Bemerkenswert ist die Heterogenität des Geländes: Die Rebflächen verteilen sich über unterschiedliche Höhenlagen, Expositionen und Bodentypen – von Kalkmergel und Tonlehm bis zu skelettreichen, steinigen Parzellen. Genau diese Vielfalt war der Ausgangspunkt für die Zonierung, die das Gut ab den frühen 1980er-Jahren gemeinsam mit Universitäten betrieb: Jede Parzelle wurde kartiert und mit dem jeweils passenden Rebmaterial bepflanzt. Neben Reben prägen ausgedehnte Olivenhaine, Getreidefelder, Pflaumenkulturen sowie Wald und Macchia das riesige Areal.
Stil & Philosophie
Der stilistische Anspruch von Castello Banfi liegt zwischen Tradition und Technik. Der Brunello ist klar sangiovese-geprägt, mit reifer Kirschfrucht, feiner Kräuterwürze und zugänglichem, poliertem Tannin – eher fruchtbetont und rund als streng und austere. Möglich macht das ein Kellerpark, der lange als einer der modernsten Europas galt, kombiniert mit einem konsequent wissenschaftlichen Zugang im Weinberg.
Zwei Projekte stehen sinnbildlich dafür. Zum einen die Klonselektion von Sangiovese: Ab den 1980er-Jahren untersuchte Banfi gemeinsam mit universitären Partnern über Jahre hinweg mehrere hundert Sangiovese-Klone, um jene zu identifizieren, die zu Boden, Höhe und Exposition in Montalcino am besten passen. Mehrere der offiziell registrierten Sangiovese-Klone gehen auf diese Arbeit zurück. Zum anderen die „Horizon“-Gärbehälter, die das Gut gemeinsam mit einer Küferei entwickelte: Hybridtanks, deren unterer Teil aus Edelstahl und deren oberer Teil aus leicht getoastetem Holz besteht. Sie verbinden die Präzision und Temperaturkontrolle des Stahls mit dem sanften Sauerstoffeintrag des Holzes und kommen vor allem bei Brunello und den Sangiovese-Cuvées zum Einsatz.
Auch bei Nachhaltigkeit und Sozialstandards gehörte Banfi zu den frühen Adressen: Das Gut ließ sich unter anderem nach Umwelt- und Sozialstandards zertifizieren und trägt inzwischen die italienische Nachhaltigkeitszertifizierung Equalitas.
Bekannte Lagen & Weine
Das Sortiment ist breit gefächert und klar gestaffelt:
- Brunello di Montalcino DOCG – der Klassiker des Hauses, aus estate-eigener Sangiovese-Selektion
- Poggio alle Mura – Brunello aus den Weinbergen rund um die Burg, direktes Ergebnis der Klonforschung
- Poggio all'Oro Riserva – die Spitzen-Riserva des Guts, nur in geeigneten Jahrgängen
- Rosso di Montalcino DOC – der jüngere, zugänglichere Sangiovese
- Sant'Antimo DOC: die Cuvées Summus (Sangiovese, Cabernet Sauvignon, Syrah), Excelsus (Cabernet Sauvignon und Merlot) und Cum Laude sowie die sortenreinen Weine Tavernelle (Cabernet Sauvignon), Mandrielle (Merlot) und Fontanelle (Chardonnay)
Auszeichnungen
Castello Banfi zählt seit Jahrzehnten zu den international sichtbarsten Erzeugern Montalcinos und wurde vielfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem internationalen Preis von Vinitaly. Die Brunello-Riserva Poggio all'Oro erhält in den führenden Weinführern und Fachmedien regelmäßig Spitzenbewertungen. Über die reinen Verkostungsnoten hinaus gilt das Gut als Vorreiter bei Zertifizierungen für Umwelt, Arbeitssicherheit und soziale Verantwortung. Sein größtes Verdienst liegt aber wohl darin, Montalcino früh und mit großem Kapitaleinsatz international bekannt gemacht zu haben – und mit seiner Forschung Wissen geschaffen zu haben, von dem die gesamte Appellation profitiert.
