Zusammenfassung
Celler de Capçanes ist eine Genossenschaft im gleichnamigen Dorf in der Provinz Tarragona – und zugleich eine der spannendsten Erfolgsgeschichten des katalanischen Weinbaus. 1933 von fünf Familien gegründet, lieferte die Kellerei jahrzehntelang schlichten Fasswein. Der Wendepunkt kam 1995 mit einem ungewöhnlichen Auftrag: ein koscherer Wein für die jüdische Gemeinde Barcelonas. Die dafür nötigen Investitionen in Keller und Technik machten aus dem Dorfbetrieb ein Qualitätsweingut, das heute zu den Aushängeschildern der DO Montsant zählt. Die Stärken liegen in alten Garnacha- und Cariñena-Reben auf Schiefer, Kalk und Ton, in ökologischer Bewirtschaftung und in einer Range, die vom bezahlbaren Alltagswein bis zum international hochbewerteten Cabrida reicht.
Geschichte
Als sich 1933 fünf Familien aus Capçanes zu einer Genossenschaft zusammenschlossen, ging es vor allem ums Überleben: Die kleinen Parzellen an den steilen Hängen ließen sich gemeinsam besser vermarkten. Über Jahrzehnte wuchs die Kellerei auf mehrere Dutzend Mitglieder, produzierte aber wie viele Genossenschaften der Region vor allem Fasswein für den Handel. Erst 1991 begann man, Weine unter eigenem Namen abzufüllen.
Der eigentliche Wendepunkt kam 1995. Eine jüdische Familie aus Barcelona suchte einen koscheren Wein aus Spanien – etwas, das es nach der Vertreibung der Juden im 15. Jahrhundert praktisch nicht mehr gegeben hatte. Die Genossenschaft nahm die Herausforderung an, investierte in einen separaten Keller, neue Technik und rabbinische Aufsicht. Das Ergebnis war der Peraj Ha'abib („Flor de Primavera“, Frühlingsblüte) – einer der ersten koscheren Qualitätsweine Spaniens seit Jahrhunderten. Der Wein wurde international bekannt, und die neuen Anlagen hoben die Qualität aller Weine des Hauses. Aus dem Fassweinlieferanten wurde ein Betrieb mit klarer Qualitätsstrategie: niedrige Erträge, alte Reben, getrennte Vinifikation nach Parzellen und Böden. Heute leitet Anna Rovira als technische Direktorin den Keller, Joan M. Sabaté führt die Geschäfte; für den Export ist seit vielen Jahren Jürgen Wagner verantwortlich.
Lage & Terroir
Capçanes liegt im Süden der Comarca Priorat, gehört aber zur DO Montsant – jener Appellation, die den berühmten Priorat wie ein Hufeisen umschließt und lange als dessen preiswerte kleine Schwester galt. Die Landschaft ist rau und gebirgig, die Weinberge klettern in Terrassen von rund 150 auf über 500 Meter Höhe. Das mediterrane Klima mit heißen Tagen wird durch die Höhe, kühle Nächte und den Wind aus dem Ebro-Tal gemildert, was den Weinen trotz Kraft ihre Frische erhält.
Das Besondere an Capçanes ist die Vielfalt der Böden auf engstem Raum. Drei Typen prägen die Lagen: Llicorella (Schiefer), wie er den Priorat berühmt gemacht hat, sorgt für Mineralität und Spannung; Kalkböden bringen Blumigkeit, kreidige Textur und Frische; rote Tonböden liefern reife, saftige Frucht und Struktur. Viele Parzellen sind mit alten, als Buschreben erzogenen Garnacha- und Cariñena-Stöcken bepflanzt – manche davon nach Angaben der Kellerei über 100 Jahre alt.
Stil & Philosophie
Die Philosophie von Capçanes lässt sich auf einen Satz bringen: das Dorf im Glas zeigen. Die Genossenschaft versteht sich als „l'esperit d'un poble“ – der Geist eines Dorfes – und vinifiziert die Trauben ihrer Mitglieder nach Parzelle, Rebalter und Bodentyp getrennt. Besonders anschaulich wird das in der Serie La Nit de les Garnatxes: dieselbe Rebsorte, derselbe Jahrgang, dieselbe Vinifikation, aber vier Böden (Schiefer, Kalk, Ton, Sand) in vier Flaschen – ein Terroir-Lehrstück, das die Kellerei bekannt gemacht hat.
Stilistisch stehen die Roten für die moderne Interpretation des Montsant: reife, aber nicht überreife Frucht, spürbare Mineralität, feinkörnige Tannine und ein moderater Holzeinsatz in französischer Eiche. Die Weinberge werden ökologisch bewirtschaftet, die Weine sind vegan. Rund ein Zehntel der Produktion ist koscher – hergestellt unter Aufsicht, meist nach dem Mevushal-Verfahren, das den Wein kurz erhitzt, ohne dass die Qualität leidet.
Bekannte Lagen & Weine
Das Sortiment reicht vom preiswerten Einstieg bis zur Ikone – und ist eines der besten Preis-Leistungs-Angebote Kataloniens:
- Mas Donís – der Klassiker: Garnacha mit Syrah, saftig, würzig, unkompliziert; die Version „Old Vines“ mit mehr Tiefe
- Costers del Gravet – Cuvée aus alter Cariñena und Garnacha mit etwas Cabernet Sauvignon von Schieferhängen; würzig, mineralisch, langlebig
- Cabrida – der Spitzenwein: 100 % Garnacha von 60- bis 110-jährigen Reben, floral, seidig, mit großer Finesse
- La Nit de les Garnatxes – die Terroir-Serie: Garnacha von Schiefer, Kalk, Ton und Sand, jeweils separat abgefüllt
- Peraj Ha'abib „Flor de Primavera“ – der koschere Vorzeigewein aus Garnacha, Cariñena und Cabernet Sauvignon, zwölf Monate in Barriques gereift
- Peraj Petita – koscherer Einstieg als Rot- und Roséwein
- Vall del Calàs – Tempranillo-geprägte Cuvée mit Merlot und Garnacha
Auszeichnungen
Celler de Capçanes gehört zu den meistausgezeichneten Erzeugern der DO Montsant. Bei den Decanter-Bewertungen erzielten Cabrida und Costers del Gravet aus den jüngsten Jahrgängen Werte im Bereich von 94 bis 96 Punkten, der Peraj Ha'abib wurde in Fachmedien wie Vinous und der Hudin Top 100 mit Spitzennoten bedacht. In der koscheren Weinwelt zählt Peraj Ha'abib seit Jahren zu den international angesehensten Weinen überhaupt. Dass all das aus einer dörflichen Genossenschaft kommt, macht Capçanes zu einer der bemerkenswertesten Adressen Spaniens.
