Zusammenfassung
Der Nikolaihof Wachau in Mautern an der Donau ist eine Ausnahmeerscheinung: Er gilt als ältestes Weingut Österreichs und zugleich als einer der frühesten biodynamischen Weinbaubetriebe der Welt. Auf rund 21 bis 22 Hektar bauen die Saahs seit 1971 streng nach Demeter-Richtlinien vor allem Riesling und Grünen Veltliner an. Der Stil ist unaufgeregt, langsam und auf Reife angelegt: lange spontane Gärungen, langes Lager im großen Holzfass, wenig Eingriff. Berühmt gemacht hat das Gut der Riesling „Vinothek“, der viele Jahre im Fass reift, bevor er auf den Markt kommt – und der 2014 als erster österreichischer Wein 100 Parker-Punkte erhielt.
Geschichte
Die Geschichte des Nikolaihofs reicht weiter zurück als die fast jedes anderen europäischen Weinguts. Der Hof steht in Mautern auf den Fundamenten einer römischen Anlage; Weinbau ist in der Gegend seit der Antike belegt. Im Hofverband haben sich Reste einer frühchristlichen Basilika erhalten, in der im Jahr 985 unter Bischof Pilgrim von Passau eine Synode abgehalten wurde. Als Freihof des Passauer Stiftes St. Nikolai – daher der Name – erscheint das Anwesen 1075 erstmals in einer Urkunde. Die heutigen Gebäude stammen in wesentlichen Teilen aus dem 15. Jahrhundert.
Seit 1894 ist der Hof im Besitz der Winzerfamilie Saahs. Den entscheidenden Schritt in die Moderne machte das Gut paradoxerweise durch eine Rückbesinnung: 1971 stellte Christine Saahs gemeinsam mit ihrem Mann Nikolaus auf biodynamische Bewirtschaftung nach Demeter um – zu einer Zeit, als das im Weinbau international noch nahezu unbekannt war. Der Nikolaihof zählt damit zu den dienstältesten biodynamischen Weingütern überhaupt. Heute führt die nächste Generation um Nikolaus (Niki) Saahs den Betrieb weiter, ohne den eingeschlagenen Weg zu verlassen.
Lage & Terroir
Mautern liegt am rechten Donauufer am östlichen Ende der Wachau, gegenüber von Stein und Krems. Die Wachau ist ein enges Durchbruchstal der Donau, das eine seltene klimatische Konstellation schafft: pannonisch geprägte, warme Tage aus dem Osten treffen auf kühle Nachtluft aus dem Waldviertel im Norden. Diese großen Tag-Nacht-Unterschiede erhalten Säure und Aroma – die Grundlage für die typische Spannung der Wachauer Weißweine.
Die Böden sind kleinteilig. Auf den Terrassen dominieren karger Urgestein-Verwitterungsboden (Gneis, Glimmerschiefer) und Flusskies, in tieferen Lagen kommen Löss und Sand hinzu. Riesling steht bevorzugt auf dem mageren Urgestein, wo er straff, salzig und langlebig gerät; der Grüne Veltliner findet auf Löss die tiefgründigeren Böden, die ihm Kraft, Würze und Fülle geben.
Stil & Philosophie
Zeit ist beim Nikolaihof das wichtigste Werkzeug. Im Weingarten wird ohne Herbizide, Pestizide und Kunstdünger gearbeitet; stattdessen kommen Brennnesseljauche, Schachtelhalmtee, Baldriantropfen und die klassischen biodynamischen Präparate in starker Verdünnung zum Einsatz. Begrünung, Handarbeit und niedrige Erträge sind selbstverständlich.
Im Keller folgt derselbe Grundsatz: spontane Gärung mit weinbergseigenen Hefen, keine Schönungsorgien, langes Lager auf der Feinhefe im großen Holzfass. Die Weine kommen deshalb oft deutlich später auf den Markt als bei den Nachbarn – manche erst nach Jahren. Das Ergebnis sind trockene Weißweine, die jung eher zurückhaltend und herb wirken und ihre Tiefe erst mit Flaschenreife entfalten. Der Alkohol bleibt vergleichsweise moderat, die Textur ist ruhig und salzig statt üppig.
Steinfeder, Federspiel, Smaragd – und „Reserve“
Als Mitglied der Vinea Wachau ordnet das Gut seine Wachauer Weine in das regionale Dreistufensystem ein:
- Steinfeder: die leichteste Kategorie, duftig und maximal 11,5 % Vol.
- Federspiel: klassische, mittelgewichtige Wachauer Weine mit rund 11,5 bis 12,5 % Vol.
- Smaragd: die reifsten Trauben, dichte und lagerfähige Spitzenweine über 12,5 % Vol.
Weil ein Teil der Weingärten – allen voran die Riede Steiner Hund – jenseits der Wachauer Grenze im Kremstal liegt, dürfen diese Weine die Vinea-Bezeichnungen nicht führen. Sie erscheinen stattdessen als „Reserve“ und zeigen einen eigenen, kieselig-kühlen Charakter.
Bekannte Lagen & Weine
- Im Weingebirge – die Kernlage rund um Mautern, mit Löss auf den höheren Terrassen und tiefgründigem Boden über Urgestein am Hang; sie gilt als eine der ältesten namentlich überlieferten Rieden Europas
- Vom Stein – Gneisboden mit Glimmereinschlüssen, Quelle besonders straffer, mineralischer Rieslinge
- Klausberg – terrassierte Wachauer Lage, klassisch für Grünen Veltliner und Riesling
- Steiner Hund – Urgestein mit Flusskieseln, im Kremstal gelegen und daher als „Reserve“ etikettiert
Das bekannteste Einzelgewächs ist der Riesling „Vinothek“: Er reift über viele Jahre im großen Holzfass, bevor er gefüllt wird. Daneben stehen ein präziser Grüner Veltliner „Hefeabzug“ und die Federspiel- und Smaragd-Weine der Rieden sowie kleine Mengen edelsüßer Spezialitäten und ein hauseigener Traubensaft-, Essig- und Sirup-Bereich. Der Hof betreibt zudem eine bekannte Weinstube in den historischen Gebäuden.
Auszeichnungen
Der größte Coup gelang dem Gut 2014: Der Riesling Vinothek 1995, rund 17 Jahre im Holzfass gereift und erst 2012 abgefüllt, erhielt im Wine Advocate als erster österreichischer Wein überhaupt 100 Punkte. Im selben Zug wurden mehr als ein Dutzend weitere Weine des Guts mit 90 Punkten und mehr bewertet. Darüber hinaus wird der Nikolaihof international vor allem als Pionier gewürdigt: Kaum ein anderes Weingut kann eine biodynamische Praxis vorweisen, die seit 1971 ununterbrochen läuft. Rund 70 % der jährlich etwa 100.000 Flaschen gehen in den Export – in rund 40 Länder.
