Zusammenfassung
Das Weingut Braunewell in Essenheim gehört zu den Betrieben, die das moderne Rheinhessen geprägt haben – ohne dabei laut zu sein. Auf rund 28 Hektar im Selztal nordwestlich von Nierstein und südwestlich von Mainz wachsen vor allem Riesling, Grauburgunder und Spätburgunder auf ausgeprägten Kalkböden. Geführt wird das Gut von den Brüdern Christian und Stefan Braunewell, deren Familie hier seit dem 17. Jahrhundert Wein macht. Der Stil ist klar: viel Arbeit im Weinberg, wenig Eingriff im Keller, und Weine, die ihre kalkige Herkunft eher zeigen als verstecken.
Geschichte
Die Familiengeschichte beginnt 1655 – mitten in den Nachwehen des Dreißigjährigen Krieges. Damals kam François Breiniville aus dem Burgund nach Rheinhessen; als Hugenotte gehörte er zu jenen französischen Protestanten, die vor der Verfolgung in ihrer Heimat flohen. Aus Breiniville wurde im Lauf der Generationen Braunewell, und die Familie blieb, wo sie angekommen war: in Essenheim im Selztal. Der Vorname des Stammvaters lebt bis heute in der Spitzencuvée des Guts weiter.
Über Jahrhunderte war Braunewell ein typisch rheinhessischer Gemischtbetrieb, wie er in der Region die Regel war. Der Sprung zum reinen, qualitätsorientierten Weingut fällt in die jüngere Vergangenheit. Heute arbeiten mehrere Generationen gleichzeitig auf dem Hof: Christian und Stefan Braunewell verantworten den Keller, Axel Braunewell den Weinberg. Beide Brüder haben den Betrieb konsequent auf Lagenweine ausgerichtet und dabei jene Kalkböden in den Mittelpunkt gestellt, die lange unterschätzt wurden.
Dass der Weg aufgeht, zeigen die Zwischenschritte: Stefan Braunewell wurde von der DLG als Jungwinzer des Jahres 2015/16 ausgezeichnet, und die 2020 fertiggestellte neue Vinothek wurde vom Deutschen Weininstitut als eine der besten Vinotheken des Landes prämiert.
Lage & Terroir
Essenheim liegt im Selztal, einem der landschaftlich markantesten Winkel von Rheinhessen. Die Selz kommt vom Donnersberg und arbeitet sich Richtung Rhein; bei Essenheim türmen sich die Hügel besonders hoch auf, sodass ein regelrechter Talkessel entsteht. Das sorgt für Hangneigung, gute Durchlüftung und deutliche Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht – Bedingungen, die Säure und Aromatik erhalten.
Der eigentliche Schlüssel ist aber der Untergrund. Die Böden rund um Essenheim sind stark kalkgeprägt: Kalkstein und Kalkmergel aus der Zeit, als hier ein flaches Meer lag. Bis heute finden sich in den Weinbergen Muschel- und Schneckenreste als Zeugen dieser Epoche. Kalk speichert Wasser gut, gibt es dosiert wieder ab und drückt den Weinen einen erkennbaren Stempel auf: Sie werden eher straff und salzig als üppig, behalten auch in warmen Jahren Zug und altern gut.
Genau deshalb funktionieren hier zwei sehr unterschiedliche Dinge gleich gut – Riesling, der den Kalk in Spannung übersetzt, und die Burgundersorten, denen Kalkböden traditionell besonders liegen.
Stil & Philosophie
Die Handschrift des Guts lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: Fruchteleganz. Statt Kraft um jeden Preis geht es um Klarheit, Trinkfluss und Herkunft. Im Weinberg bedeutet das viel Handarbeit, Begrünung, reduzierte Erträge und die Bereitschaft, auf den richtigen Lesezeitpunkt zu warten. Der Betrieb ist nach dem Nachhaltigkeitsstandard Fair’n Green zertifiziert, der neben dem Weinbau auch soziale und betriebswirtschaftliche Kriterien bewertet.
Im Keller wird bewusst wenig eingegriffen. Ein Teil der Weißweine vergärt spontan mit den weinbergseigenen Hefen, Rotweine werden häufig unfiltriert gefüllt, und der Holzeinsatz ist maßvoll dosiert – das Fass soll den Wein tragen, nicht überdecken. Beim Sekt geht das Gut den aufwendigen Weg der klassischen Flaschengärung mit langem Hefelager; Braunewell ist Mitglied im Verband der Traditionellen Klassischen Flaschengärer.
Das Sortiment ist dreistufig aufgebaut – Gutsweine, Ortsweine und Lagenweine – und folgt damit dem Herkunftsprinzip von Maxime Herkunft Rheinhessen. Insgesamt entstehen jährlich rund 200.000 Flaschen.
Bekannte Lagen & Weine
Die drei wichtigsten Lagen des Guts liegen rund um Essenheim und im benachbarten Stadecken-Elsheim:
- Essenheimer Teufelspfad – die bekannteste Lage des Hauses, stark kalksteingeprägt und kühl gelegen; Basis für einen besonders zupackenden, mineralischen Riesling
- Essenheimer Klopp – Kalkstandort für Weiß- und Rotwein
- Blume – die Lage bei Stadecken-Elsheim, ebenfalls eine der Filetparzellen des Guts
Aus diesen Herkünften entstehen die Aushängeschilder: der Riesling Teufelspfad, der Spätburgunder Kalkmergel aus Essenheim und die nach dem Stammvater benannte Rotweincuvée François. Darüber hinaus füllt das Gut Grauburgunder, Chardonnay, Sauvignon Blanc, St. Laurent sowie eine Réserve-Linie und mehrere Sekte ab.
Wenn du dich herantasten willst: Fang bei den Gutsweinen an, wechsle dann zum Ortswein Essenheim und steig erst danach in die Lagenweine ein – so schmeckst du den Kalkeffekt Stufe für Stufe deutlicher heraus.
Auszeichnungen
Braunewell wird von den führenden deutschen Weinführern konstant hoch bewertet. Eichelmann führt das Gut mit fünf Sternen und damit in der höchsten Kategorie, Gault&Millau vergibt 3,5 Trauben. Besonders viel Aufmerksamkeit brachte 2023 die Auszeichnung von VINUM als Winzer des Jahres in Rheinhessen.
Dazu kommen Erfolge in Spezialdisziplinen: Bei Falstaff taucht das Gut regelmäßig unter den Top-Sektproduzenten auf, und 2024 wurde Braunewell mit dem Carlo Award als eines der nachhaltigsten Weingüter Deutschlands ausgezeichnet. Für einen Betrieb dieser Größe ist das eine bemerkenswerte Bandbreite – und ein guter Beleg dafür, wie viel Qualitätspotenzial in den Kalkböden des Selztals steckt.
