Zusammenfassung
Das Weingut Spiess in Bechtheim ist eines jener rheinhessischen Güter, deren Geschichte weit älter ist als der Weinbau, für den sie heute stehen. Seit 1509 bewirtschaftet die Familie Spiess Land in Bechtheim; aus dem gemischten landwirtschaftlichen Betrieb ist im Lauf der Generationen ein spezialisiertes Weingut geworden. Der Hof trägt bis heute den Namen Riederbacherhof. Bewirtschaftet werden rund 30 Hektar im warmen Süden Rheinhessens, knapp ein Drittel davon mit Riesling bestockt, dazu Burgundersorten und Rotwein. Geführt wird das Gut von den Brüdern Christian und Johannes Spiess, die sich Weinberg und Keller klar aufteilen.
Geschichte
Die Familiengeschichte der Spiess in Bechtheim beginnt 1509. Was damals dokumentiert wird, ist kein Weingut im heutigen Sinn, sondern ein landwirtschaftlicher Betrieb – Ackerbau, Vieh, und Reben als ein Zweig unter mehreren. Genau so funktionierte Rheinhessen über Jahrhunderte: Der Wein war Teil eines gemischten Hofes, nicht sein Zweck.
Der Weg vom gemischten Betrieb zum spezialisierten Weingut ist deshalb die eigentliche Entwicklungslinie dieses Hauses. Sie verlief nicht über einen einzelnen spektakulären Bruch, sondern über Generationen, die Schritt für Schritt Flächen umwidmeten, Sorten neu setzten und den Keller ausbauten – bis der Wein am Ende das ganze Unternehmen trug. Der Riederbacherhof blieb dabei der Anker: Adresse, Betriebssitz und Name in einem.
Der jüngste Generationswechsel vollzog sich in zwei Etappen. 2011 übernahm Johannes Spiess als Kellermeister die Verantwortung für den Ausbau der Weine. 2014 kam sein Bruder Christian Spiess dazu, der seither den Weinbau und die gesamte Außenwirtschaft verantwortet. Diese Arbeitsteilung ist mehr als eine organisatorische Frage: Sie erlaubt es, im Weinberg und im Keller gleichzeitig konsequent zu arbeiten, ohne dass eine Seite zur Nebensache wird.
Lage & Terroir
Bechtheim liegt im Süden Rheinhessens, in einem der wärmsten Abschnitte des größten deutschen Anbaugebiets. Die Reben des Guts stehen überwiegend in südexponierten Hängen – jener Ausrichtung, die in unserer Breite den Unterschied zwischen einem mageren und einem vollständig ausgereiften Jahrgang ausmachen kann. Wärme und Sonnenstunden sind hier kein knappes Gut, was den Burgundersorten und dem Spätburgunder entgegenkommt und dem Riesling in guten Jahren Reife ohne Härte gibt.
Die Flächen verteilen sich auf fünf Bechtheimer Lagen: Heiligkreuz, Hasensprung, Rosengarten, Geyersberg und Stein. Diese Streuung ist praktisch wertvoll. Sie erlaubt es, jede Rebsorte dorthin zu setzen, wo sie hingehört, und in schwierigen Jahren Risiken zu verteilen – ein Vorteil, den ein auf eine einzige Parzelle konzentrierter Betrieb nicht hat.
Stil & Philosophie
Stilistisch lässt sich das Gut mit zwei Begriffen fassen: sauber und klar. Die Weißweine sind präzise gearbeitet, ohne Effekthascherei, mit Betonung von Frucht und Struktur statt von Süße oder Holz. Bei den Rotweinen steht dagegen Charakter im Vordergrund – Spätburgunder und Dornfelder werden nicht auf Gefälligkeit getrimmt, sondern dürfen Kontur zeigen.
Dahinter steht ein moderner Zugang, der die landwirtschaftliche Herkunft des Betriebs nicht verleugnet, sondern ausdrücklich respektiert. Ein Hof, der seit über 500 Jahren in derselben Familie bewirtschaftet wird, denkt zwangsläufig in längeren Zeiträumen als in Jahrgängen. Sichtbarster Ausdruck davon ist die Zertifizierung nach Fair and Green seit 2014: ein Nachhaltigkeitsstandard, der nicht nur die Arbeit im Weinberg bewertet, sondern den gesamten Betrieb inklusive ökonomischer und sozialer Kriterien.
Bekannte Lagen & Weine
Das Sortiment ruht auf drei Säulen: Riesling, Burgundersorten und Spätburgunder.
- Riesling – knapp ein Drittel der Rebfläche und die stilprägende Sorte des Guts
- Weißburgunder und Grauburgunder – die burgundische Weißweinlinie
- Chardonnay – ergänzt das Weißweinsortiment
- Spätburgunder – der rote Schwerpunkt
- Dornfelder – die kräftige, dunkelfruchtige rheinhessische Ergänzung
Die Trauben stammen aus den Bechtheimer Lagen Heiligkreuz, Hasensprung, Rosengarten, Geyersberg und Stein.
Auszeichnungen
Eine gut belegte Momentaufnahme liefert der Bewertungsstand rund um den Jahrgang 2015. Der Gault&Millau 2015 führte das Gut mit zwei roten Trauben, der Eichelmann 2015 vergab drei Sterne; dazu kamen Erwähnungen bei Falstaff und im Feinschmecker im selben Jahr. Die Kritiker beschrieben die Weine damals als feiner und eleganter denn je – ein Hinweis darauf, dass der 2011 und 2014 vollzogene Generationswechsel im Glas bereits spürbar war. Diese Bewertungen beziehen sich ausdrücklich auf jenen Jahrgangsstand und sind als Einordnung, nicht als aktueller Führerstand zu lesen.
