Zusammenfassung
Die Tenuta San Guido in Bolgheri ist das Gut hinter dem Sassicaia – und damit hinter einem der einflussreichsten Weine der neueren Geschichte. Was in den 1940er-Jahren als privates Experiment des Marchese Mario Incisa della Rocchetta begann, wurde ab dem Jahrgang 1968 zum ersten kommerziell verkauften Sassicaia und schließlich zum Urvater der Super Tuscans: ein toskanischer Rotwein aus Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc, der sich bewusst am Bordeaux orientierte. Bis heute bewirtschaftet die Familie Incisa della Rocchetta rund 100 Hektar Reben auf einem etwa 2.500 Hektar großen Anwesen zwischen Küstenhügeln und Meer – und besitzt mit der Bolgheri Sassicaia DOC eine Herkunftsbezeichnung, die es in Italien nur einmal gibt.
Geschichte
Die Geschichte beginnt mit Marchese Mario Incisa della Rocchetta (1899–1983), der Anfang der 1940er-Jahre in die Maremma zog. Er war überzeugt, dass die steinigen, kiesigen Böden seines Landes jenen der Bordeaux-Appellation Graves gleichen – und dass hier ein großer Rotwein nach französischem Vorbild möglich sei. 1944 pflanzte er dafür etwas mehr als einen Hektar Cabernet Sauvignon in höherer Lage bei Castiglioncello di Bolgheri.
Von 1945 bis 1967 blieb der Wein eine Privatsache: Er wurde nur für die Familie und ihre Freunde gefüllt. Erst der Jahrgang 1968 kam – ab 1971 – in den Handel und wurde von der italienischen Kritik sofort als Ausnahmeerscheinung erkannt. Entscheidend für den Sprung vom Liebhaberprojekt zur Weltmarke waren zwei Personen: Nicolò Incisa della Rocchetta (geboren 1936), der Sohn des Gründers, der das Gut zum modernen Familienunternehmen ausbaute und die Vermarktung übernahm, und der legendäre Önologe Giacomo Tachis, der dem Wein seine Form gab und ihn über Jahrzehnte begleitete. Sein letzter Jahrgang war 2007; seit 2009/2010 verantwortet die Önologin Graziana Grassini – eine Schülerin Tachis' – den Keller. Heute ist Nicolò Incisa Ehrenpräsident; die dritte Generation, fünf Cousins der Familie, wächst in die Verantwortung hinein, und Priscilla Incisa della Rocchetta vertritt das Haus nach außen.
Lage & Terroir
Die Tenuta San Guido liegt bei Bolgheri, einem Ortsteil von Castagneto Carducci an der toskanischen Küste. Das Anwesen erstreckt sich über rund 13 Kilometer von den Hängen des Küstengebirges bis hinunter ans Tyrrhenische Meer – ein Höhen- und Klimagefälle, das für Bolgheri typisch ist und dem Gut sehr unterschiedliche Parzellen erschließt.
Namensgebend sind die Böden: sassi heißt Steine, und genau darum geht es. Die Weinberge liegen auf kiesig-steinigen, gut durchlässigen Böden, teils mit Kalk- und Tonanteilen, in Höhen von wenigen Metern bis auf rund 400 Meter. Solche Böden zwingen die Reben zu tiefer Wurzelung, halten die Erträge natürlich niedrig und geben den Weinen ihre feine, straffe Struktur. Dazu kommt der maritime Einfluss: Die Meeresbrise sorgt für gesunde Trauben und kühlt die heißen Sommernächte ab, während der Schutz der Hügel im Rücken die Reben vor Wetterextremen bewahrt. Genau diese Kombination erlaubt es, Cabernet in der Toskana vollreif und dennoch elegant zu ernten.
Stil & Philosophie
Der Stil des Guts ist bemerkenswert konstant und zurückhaltend. Sassicaia sucht nicht die maximale Kraft, sondern Finesse, Duft und Herkunftstreue – schlanker gebaut als viele Konkurrenten, mit feinkörnigem Tannin, Zedern- und Kräuternoten und einer aufrechten Frische, die den Wein über Jahrzehnte tragen kann. Ausgebaut wird traditionell in französischer Eiche, ohne dass das Holz den Wein dominiert. Die Handschrift bleibt französisch inspiriert, das Ergebnis aber unverkennbar toskanisch.
Dahinter steht eine Philosophie der langen Linien: kein häufiger Kurswechsel, keine Moden, sondern die Weiterentwicklung eines einmal gefundenen Ideals. Alle drei Weine des Hauses teilen den genetischen Fingerabdruck des Cabernet – sie unterscheiden sich in Anspruch und Zugänglichkeit, nicht in der Grundidee. Bemerkenswert ist außerdem, dass Wein nur ein Teil des Ganzen ist: Zum Anwesen gehören ein berühmtes Vollblutgestüt (Razza Dormello Olgiata) und das Wildreservat Padule di Bolgheri, ein mit dem WWF verbundenes Schutzgebiet – ein Bekenntnis zu Landschaft und Artenvielfalt, das älter ist als der kommerzielle Erfolg des Weins.
Bekannte Lagen & Weine
Das Sortiment ist bewusst klein und klar gestaffelt:
- Sassicaia – der Erste Wein aus Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc, gefüllt als Bolgheri Sassicaia DOC; ein Wein mit außergewöhnlichem Reifepotenzial
- Guidalberto – seit dem Jahrgang 2000, eine Cuvée aus Merlot und Cabernet Sauvignon, saftiger und früher trinkreif
- Le Difese – seit 2002, Cabernet Sauvignon mit Sangiovese, der toskanischste und zugänglichste Wein des Hauses
Die entscheidenden Weinberge liegen rund um Castiglioncello di Bolgheri in den höheren Lagen sowie in der Ebene Richtung Küste. Anders als im Burgund oder an der Mosel werden einzelne Parzellen nicht als Lagenweine vermarktet – die Herkunft ist die DOC selbst.
Die eigene Bolgheri Sassicaia DOC
Als Bolgheri 1994 zur DOC wurde, war Sassicaia längst eine eigene Kategorie. Der Wein erhielt daher eine eigene Subzone innerhalb der neuen Herkunft, die ausschließlich die Weinberge der Tenuta San Guido umfasst. 2013 wurde diese Subzone zur vollständig selbstständigen Bolgheri Sassicaia DOC erhoben. Damit ist sie ein Unikat im italienischen Weinrecht: die einzige Denominazione, die für einen einzigen Wein eines einzigen Erzeugers reserviert ist.
Auszeichnungen
Der Ruf des Guts wurde 1992 international besiegelt, als Robert Parker dem Jahrgang 1985 die volle Punktzahl von 100 Punkten gab – die erste 100-Punkte-Bewertung überhaupt für einen italienischen Wein. Kaum weniger wirkungsvoll war 2018 die Wahl des Sassicaia 2015 zum Wein des Jahres beim Wine Spectator, genau 50 Jahre nach dem ersten kommerziellen Jahrgang. Dazwischen und danach sammelte Sassicaia regelmäßig Spitzenbewertungen der internationalen Fachpresse.
Wichtiger als einzelne Punktzahlen ist jedoch die Wirkung: Ohne die Tenuta San Guido gäbe es Bolgheri als Weinregion in der heutigen Form nicht – und die Super Tuscans, die Italiens Ansehen in der Weinwelt neu begründet haben, hätten kein Vorbild gehabt.
