Zusammenfassung
Das Weingut Raddeck liegt in Nierstein, dem wohl bekanntesten Weinort Rheinhessens, und bewirtschaftet Reben in den Kernlagen des berühmten Roten Hangs. Der Familienbetrieb wurde bereits zu Beginn der 2000er-Jahre auf ökologischen Weinbau umgestellt und arbeitet seit 2003 zertifiziert biologisch – zu einer Zeit, als Bio in Rheinhessen noch die Ausnahme war. Im Mittelpunkt steht der Riesling von rotbraunem Schiefer und Tonstein, ergänzt durch Weißburgunder, Silvaner, Spätburgunder und eine breite Palette an Sekt, Secco und edelsüßen Spezialitäten. Geführt wird das Gut heute von Anna-Karina und Stefan Raddeck.
Geschichte
Die Familie Raddeck ist seit vielen Generationen in Nierstein im Weinbau verwurzelt; das Gut selbst verweist auf eine Familientradition von rund 300 Jahren. Als eigenständiges Weingut geführt wird der Betrieb seit etwa 1900 – über Jahrzehnte in der für Rheinhessen typischen Mischung aus Fassweinverkauf, Flaschenweinen und Direktvermarktung.
Die prägende Wende kam mit der Generation von Hans und Birgit Raddeck. Als ihr Sohn Stefan seine Winzerlehre bei einem Bio-Betrieb absolvierte, brachte er die Idee des ökologischen Weinbaus mit nach Hause. Die Familie stellte den Betrieb um und arbeitet seit 2003 nach den Richtlinien des zertifizierten Bio-Weinbaus. Stefan Raddeck kehrte 2006 nach seiner Ausbildung ins Weingut zurück; Anna-Karina Raddeck kam 2009 dazu, nachdem sie unter anderem in Neuseeland und an der Hessischen Bergstraße Erfahrung gesammelt hatte.
Ein sichtbares Zeichen dieser Entwicklung ist das 2009 eröffnete Betriebsgebäude mitten in den Reben der Lage Paterberg, oberhalb des Ortes und mit weitem Blick über Nierstein und den Rhein. Kellerei, Vinothek und Verkauf rückten damit direkt in den Weinberg – ein Schritt, der auch die Gästearbeit des Guts stark verändert hat.
Lage & Terroir
Nierstein liegt am Rheinknie zwischen Mainz und Worms, dort wo der Strom nach Norden schwenkt. Der Fluss wirkt als Wärmespeicher, mildert Spätfröste und sorgt für Luftbewegung; zugleich schützt der Odenwald die Region gegen Osten. Rheinhessen zählt damit zu den trockensten und wärmsten Anbaugebieten Deutschlands.
Der eigentliche Star ist die Geologie. Der Rote Hang ist eine steile, nach Osten und Südosten geneigte Rheinfront aus rotbraunem Schiefer- und Tonstein des Rotliegenden – ein rund 280 Millionen Jahre altes Gestein, das in Deutschland fast nur hier den Weinbau prägt. Die dunklen Böden erwärmen sich schnell, speichern Wärme bis in die Nacht und geben den Rieslingen eine unverwechselbare, würzig-rauchige Note mit feiner Salzigkeit.
Direkt gegenüber liegt der Paterberg, wo helle Kalk- und Mergelböden dominieren. Diese Kombination erlaubt dem Gut zwei sehr unterschiedliche Handschriften: die kühl-würzigen, straffen Weine vom Roten Hang und die etwas breiteren, cremigeren Weine von Kalk.
Stil & Philosophie
Der Leitgedanke des Guts lautet, feine Weine im Einklang mit der Natur zu erzeugen. Im Weinberg bedeutet das dauerhafte Begrünung zwischen den Zeilen, Verzicht auf Herbizide und synthetische Mineraldünger, Förderung der Bodenlebewesen und moderate Erträge. Ziel ist eine Rebe, die auch in trockenen Sommern im Gleichgewicht bleibt.
Im Keller wird eher zurückhaltend gearbeitet. Die Weißweine vergären langsam und kühl, meist im Edelstahl, und reifen anschließend länger auf der Feinhefe – das gibt Textur, ohne die Frucht zu überdecken. Die Rotweine, allen voran Spätburgunder, erhalten eine längere Maischestandzeit und reifen im großen Holzfass oder im Barrique. Das Sortiment ist klar gestaffelt: Literweine und Gutsweine für den Alltag, darüber Ortsweine, Réserve-Weine und die Lagenweine als Spitze.
Auffällig ist die Bandbreite: Neben trockenen Weißweinen führt das Gut Sekt und Secco, Rosé, Rotweine, alkoholfreie Alternativen und immer wieder edelsüße Spezialitäten aus botrytisbefallenen Trauben.
Bekannte Lagen & Weine
Die Herzstücke des Betriebs sind die Niersteiner Einzellagen, die sich stilistisch deutlich unterscheiden:
- Pettenthal – der steile, kühl nach Osten ausgerichtete Kern des Roten Hangs; besonders straffe, mineralische Rieslinge
- Ölberg – südlich exponiert und wärmer; Weine mit mehr Kraft und reifer Frucht
- Orbel – im südwestlichen Teil des Roten Hangs, würzig und ausgewogen
- Heiligenbaum – klassische Niersteiner Lage mit zugänglicher, saftiger Stilistik
- Paterberg – helle Kalkmergelböden rund um das Weingut, Basis für runde Weiß- und Burgundersorten
- Schloss Schwabsburg – Lage rund um die Burg im Niersteiner Ortsteil Schwabsburg
Die Lagenrieslinge werden trocken ausgebaut und zeigen den Unterschied zwischen den Böden sehr direkt. Ein Klassiker des Guts sind daneben die Burgundersorten sowie Cuvées, die unter eigenen Namen als Réserve oder Trilogie erscheinen.
Auszeichnungen
Nach der Übernahme durch Stefan Raddeck 2006 fand das Weingut rasch Eingang in die führenden deutschen Weinführer. Gault&Millau führte den Betrieb 2017 mit zwei Trauben, Eichelmann bewertet die Kollektion als sehr gut und hebt vor allem das gleichmäßig hohe Basisniveau und die klar differenzierten Lagenrieslinge hervor. Für die Rotweine gab es 2017 eine Auszeichnung beim Deutschen Rotweinpreis des Fachmagazins Vinum.
Aus der Bio-Schiene stammt eine weitere Trophäe: Beim internationalen Weinpreis der BioFach wurde 2009 eine Huxelrebe Beerenauslese des Jahrgangs 2007 mit Gold in der Kategorie Dessertwein ausgezeichnet. Bereits 2008 hatte die Stadt Nierstein das Gut als Weingut des Jahres geehrt. Wichtiger als einzelne Trophäen ist jedoch die Rolle, die der Betrieb für den ökologischen Weinbau in Rheinhessen spielt: Raddeck gehört zu den Gütern, die früh gezeigt haben, dass Bio und große Lagen kein Widerspruch sind.
