Zusammenfassung
Marchesi di Barolo ist keine Adresse wie jede andere: Das Haus im Ortskern von Barolo steht dort, wo der Barolo als Weintyp überhaupt erst entstanden ist. In den Kellern der Marchesa Giulia Colbert Falletti wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem oft restsüßen Nebbiolo ein trocken durchgegorener, im großen Holzfass gereifter Rotwein – die Blaupause für alles, was heute Barolo heißt. Nach dem Tod der Marchesa ging das Erbe an die Stiftung Opera Pia Barolo; 1929 kaufte die Familie Abbona die historischen Keller und führt sie seither weiter. Heute bewirtschaftet das Gut rund 200 Hektar in den Langhe, im Roero und im Monferrato und vinifiziert unter anderem die Barolo-Crus Cannubi, Sarmassa und Coste di Rose.
Geschichte
Die Geschichte beginnt mit einer Französin. Juliette Colbert de Maulévrier, 1785 in der Vendée geboren und Nachfahrin aus der Familie des berühmten Finanzministers Ludwigs XIV., heiratete 1806 den Marchese Carlo Tancredi Falletti di Barolo. 1814 zog das Paar nach Turin, wo aus Juliette die Giulia des Palazzo Barolo wurde. Auf den Gütern der Familie in den Langhe erkannte sie das Potenzial des Nebbiolo – und ließ eigens Keller einrichten, in denen der Most vollständig durchgären und der Wein anschließend in großen Eichenfässern reifen konnte. Aus dem bis dahin häufig süßlichen Wein wurde so der trockene, tanninreiche und lagerfähige Rotwein, der bald als Wein des Hauses Savoyen Karriere machte.
Nach ihrem Tod 1864 vermachte die kinderlose Marchesa ihr gesamtes Vermögen – Weinberge und Keller eingeschlossen – der von ihr gegründeten Wohltätigkeitsstiftung Opera Pia Barolo. Die Stiftung ließ die Weinproduktion weiterlaufen, bis sie sich in den 1920er-Jahren davon trennte.
1929 erwarb Pietro Abbona gemeinsam mit seinen Geschwistern Ernesto, Marina und Celestina die historischen Keller. Pietro Abbona, den man später den Patriarchen von Barolo nannte, machte aus dem Erbe einen professionell geführten Weinbaubetrieb mit internationaler Kundschaft; 1933 durfte das Haus als Lieferant des königlichen Hofes das königliche Wappen führen. Seither ist der Betrieb ununterbrochen in Familienhand: Heute stehen Ernesto Abbona und seine Frau Anna an der Spitze, unterstützt von den Kindern Valentina und Davide. Ernesto Abbona hat sich auch über das Gut hinaus engagiert und amtierte unter anderem als Präsident des Branchenverbands Unione Italiana Vini.
Lage & Terroir
Das Gut sitzt im Zentrum der Barolo-Zone, gegenüber dem Kastell der Falletti. Rundherum erstrecken sich die Langhe – eine Hügellandschaft aus Mergelböden, deren Kämme sich in immer neuen Ausrichtungen drehen und dadurch auf engstem Raum sehr unterschiedliche Weine ermöglichen. Das Klima ist kontinental: warme Sommer, große Tag-Nacht-Unterschiede und lange, oft nebelverhangene Herbste, die dem Nebbiolo seinen Namen gaben und ihm eine sehr späte, langsame Reife erlauben.
Die drei Einzellagen des Hauses zeigen diese Unterschiede exemplarisch. Cannubi liegt auf dem zentralen Rücken der Gemeinde Barolo, dort wo zwei geologische Formationen – Serravallium und Tortonium – aufeinandertreffen; die kalkhaltigen Ton- und Mergelböden ergeben besonders duftige, harmonische Weine. Sarmassa fällt nach Südosten ab und wurzelt in kompakterem tortonischem Kalkmergel mit höherem Kies- und Steinanteil, was strukturierte, langlebige Barolo hervorbringt. Coste di Rose ist rein nach Osten ausgerichtet und außergewöhnlich steil; der sandigere Mergel mit hohem Quarzsand- und Schluffanteil bringt hellere, feingliedrige Weine. Ergänzt wird das Bild durch Flächen im Roero für Arneis und Nebbiolo sowie im Monferrato rund um Nizza für Barbera.
Stil & Philosophie
Marchesi di Barolo steht für einen bewusst klassischen Zugang. Die Barolo reifen lange in Holz, überwiegend in großen Fässern, und werden erst nach ausgedehnter Flaschenreife freigegeben – im Vordergrund stehen Duft, Klarheit und Struktur, nicht Holzwürze. Typisch sind die Nebbiolo-Aromen von Rose, Kirsche, Lakritz und Teer, ein festes, feinkörniges Tannin und ein sehr langes Reifepotenzial. Neben den Crus gibt es einen Gemeinde-Barolo aus dem Ort Barolo sowie eine klassische Cuvée aus mehreren Parzellen.
Ebenso wichtig ist die Breite des Sortiments: Das Haus vinifiziert praktisch das gesamte piemontesische Repertoire, von Barbera d'Alba und Dolcetto d'Alba über Nebbiolo d'Alba und Barbaresco bis zu trockenen Weißweinen aus Arneis und Cortese. Dazu kommen die süßen Spezialitäten der Region – ein aromatischer Moscato d'Asti mit deutlich unter 12 % Vol. und ein roter Brachetto d'Acqui. Unter dem Namen Bric Amel bündelt das Gut zudem Projekte zu nachhaltigerer Bewirtschaftung und Rebsortenversuchen.
Bekannte Lagen & Weine
- Barolo Cannubi – aus der wohl berühmtesten Lage der Gemeinde Barolo, duftig und harmonisch
- Barolo Sarmassa – südostexponiert, kraftvoll und auf lange Reife angelegt
- Barolo Coste di Rose – steile Osthanglage auf sandigerem Mergel, hell und feingliedrig
- Barolo del Comune di Barolo – Gemeindewein als Einstieg in die Cru-Stilistik des Hauses
- Barbaresco – der Nebbiolo aus der zweiten großen Langhe-Appellation
- Barbera d'Alba und Dolcetto d'Alba – die alltagstauglichen Roten des Piemont
- Moscato d'Asti und Brachetto d'Acqui – süße Klassiker mit niedrigem Alkohol
Ein Besuch lohnt sich vor allem wegen des historischen Kellers an der Via Roma in Barolo: Dort stehen die 2002 restaurierten „Botti della Marchesa“, und eine Sammlung alter Flaschen dokumentiert die Jahrgänge des Hauses bis ins späte 19. Jahrhundert zurück.
Auszeichnungen
Die Weine des Hauses tauchen seit Jahrzehnten verlässlich in den führenden internationalen Guides und Fachmagazinen auf; für die Einzellagen Cannubi und Sarmassa werden regelmäßig Bewertungen im oberen 80er- und unteren 90er-Punktebereich vergeben, etwa vom Wine Spectator. Wichtiger als einzelne Punktzahlen ist jedoch die historische Rolle: Kaum ein anderes Gut kann seine Geschichte so direkt mit der Entstehung einer der großen Weinkategorien der Welt verknüpfen. Dass die Keller der Marchesa bis heute in Betrieb sind, macht Marchesi di Barolo zu einem lebenden Stück Weingeschichte – und zu einer der ersten Adressen für jeden, der die Ursprünge des Barolo verstehen will.
