Zusammenfassung
Château Margaux ist der einzige Premier Grand Cru Classé, der seinen Namen mit seiner Appellation teilt – und für viele Weinliebhaber der stilistisch feinste der fünf First Growths von Bordeaux. Auf rund 80 Hektar Reben in der Gemeinde Margaux-Cantenac entstehen Cabernet-Sauvignon-dominierte Rotweine, die für ihre Duftigkeit, ihre samtige Tanninstruktur und ihr enormes Reifepotenzial berühmt sind. Seit 1977 gehört das Gut der Familie Mentzelopoulos, die es aus einer schwierigen Phase zurück an die absolute Weltspitze geführt hat. Das klassizistische Schloss aus dem frühen 19. Jahrhundert – oft „Versailles des Médoc" genannt – wurde 2015 um ein neues Kellergebäude von Norman Foster ergänzt.
Geschichte
Der Ort ist seit dem Mittelalter besiedelt: Im 12. Jahrhundert hieß das Anwesen La Mothe de Margaux, „der Hügel von Margaux" – ein Hinweis auf die leicht erhöhte Kieskuppe inmitten des ansonsten flachen Médoc. Zum Weingut im heutigen Sinn wurde es ab dem 16. Jahrhundert unter der Familie Lestonnac, die Getreidefelder in Reben umwandelte.
Ein entscheidender Schritt gelang um 1700 dem Verwalter Berlon. Er war einer der Ersten im Médoc, der rote und weiße Trauben konsequent getrennt vinifizierte, die Parzellen nach ihrer Qualität unterschied und auf sauberes Lesegut achtete – Grundlagen, die den modernen Bordeaux-Weinbau prägen sollten. Der Ruf des Weins reichte damals bereits weit; auch Thomas Jefferson notierte auf seiner Frankreichreise Ende des 18. Jahrhunderts seine Bewunderung für den Wein aus Margaux.
Das heutige Erscheinungsbild verdankt das Gut dem Marquis de la Colonilla, der ab 1810 den Architekten Louis Combes mit einem völlig neuen Schloss samt Kellern beauftragte. Der klassizistische Bau mit seiner Säulenfassade wurde zum Wahrzeichen des Médoc. 1855 wurde Château Margaux bei der berühmten Klassifikation zum Premier Cru Classé erhoben.
Im 20. Jahrhundert folgten Höhen und Tiefen. Nach schwachen Jahrzehnten und wirtschaftlichem Druck musste die Familie Ginestet das Gut 1977 verkaufen: Käufer war der griechischstämmige Unternehmer André Mentzelopoulos, der massiv investierte – in Drainagen, Neubepflanzungen und den Keller. Er starb bereits 1980; seine Tochter Corinne Mentzelopoulos übernahm und führte das Gut über vier Jahrzehnte zurück an die Weltspitze. 2023 gab sie die Leitung an ihren Sohn Alexis Leven-Mentzelopoulos weiter. Prägend war zudem der langjährige Direktor Paul Pontallier (ab den 1980er-Jahren bis zu seinem Tod 2016); heute führt Philippe Bascaules, der schon zuvor über zwei Jahrzehnte als technischer Direktor am Gut arbeitete.
Lage & Terroir
Margaux ist die südlichste der großen Médoc-Appellationen und liegt am linken Ufer der Gironde. Charakteristisch sind tiefgründige, magere Kiesterrassen, die von den Flüssen aus den Pyrenäen und dem Massif Central angeschwemmt wurden. Diese Kiese speichern tagsüber Wärme, geben sie nachts an die Reben ab und sorgen für eine hervorragende Drainage: Die Wurzeln müssen tief wachsen, der Ertrag bleibt natürlich niedrig.
Unter dem Kies liegen je nach Parzelle Lehm-, Mergel- und Kalkschichten. Diese kleinräumige Vielfalt erklärt, warum das Gut mit einem großen Puzzle aus Einzelparzellen arbeitet, die getrennt gelesen und vinifiziert werden. Das atlantisch geprägte Klima ist mild, die Gironde puffert Frost und Hitze ab. Zusammen ergibt das ideale Bedingungen für den spät reifenden Cabernet Sauvignon – und für den floralen, feingliedrigen Stil, für den die Appellation Margaux berühmt ist.
Stil & Philosophie
Der Grand Vin ist ein Lehrbuchbeispiel für klassischen Médoc: Cabernet Sauvignon bildet mit etwa drei Vierteln der Rotweinfläche das Rückgrat, ergänzt um Merlot sowie kleine Anteile Petit Verdot und Cabernet Franc. Je nach Jahrgang liegt der Cabernet-Anteil in der finalen Assemblage sogar noch höher.
Stilistisch gilt Château Margaux als der duftigste und eleganteste der First Growths: Veilchen und Rosenblätter, Cassis, Zedernholz und feine Würze, dazu ein Tannin, das eher seidig als muskulös wirkt. Diese Zartheit täuscht – die Weine reifen über Jahrzehnte. Die Selektion ist streng: Nur ein Teil der Ernte geht in den Grand Vin, der Rest fließt in Pavillon Rouge oder den dritten Wein.
Im Keller setzt das Gut auf jahrgangsgenaue Arbeit, parzellenweise Vinifikation und Ausbau in neuen französischen Barriques aus eigener Küferei. Sichtbarster Ausdruck dieses Anspruchs ist das 2015 eröffnete Kellergebäude von Norman Foster, das Vinothek, Küferei und Forschungsräume unter einem leicht wirkenden Flachdach vereint – 200 Jahre nach dem Schlossbau von Louis Combes.
Bekannte Lagen & Weine
Anders als in Burgund gibt es hier keine Einzellagen-Etiketten, sondern eine klare Hierarchie der Cuvées:
- Château Margaux – der Grand Vin, Premier Grand Cru Classé aus der AOC Margaux
- Pavillon Rouge du Château Margaux – der Zweitwein, stilistisch früher zugänglich
- Pavillon Blanc du Château Margaux – trockener Weißwein aus reinem Sauvignon Blanc, von rund zwölf Hektar eigener Weißweinparzellen; da die AOC Margaux nur Rotwein umfasst, wird er als Bordeaux Blanc gefüllt
- Margaux du Château Margaux – der dritte Rotwein des Guts
Auszeichnungen
Als Premier Grand Cru Classé gehört Château Margaux zum engsten Kreis der weltweit begehrtesten Rotweine. Mehrere Jahrgänge erhielten von führenden Kritikern die Höchstbewertung, darunter 1990, 2000, 2015 und 2019; historisch legendär sind zudem 1900, 1953 und 1961. Der Jahrgang 2015 erschien mit einem besonderen Etikett – zum einen wegen des neuen Foster-Kellers, zum anderen als Hommage an den kurz zuvor verstorbenen Direktor Paul Pontallier. Auf internationalen Auktionen zählen die großen Jahrgänge des Guts zuverlässig zu den höchstgehandelten Weinen des Médoc.
