Zusammenfassung
Die Kellerei Girlan (italienisch Cantina Girlan) ist eine Winzergenossenschaft in Girlan (Cornaiano), einem Ortsteil von Eppan an der Weinstraße im Südtiroler Überetsch. 1923 von 24 Weinbauern in einem Bauernhof aus dem 16. Jahrhundert gegründet, gehören ihr heute rund 200 Winzerfamilien an, die etwa 220 Hektar Reben im Überetsch und im Unterland bewirtschaften. Berühmt ist das Haus vor allem für seine Blauburgunder: Die Riserven „Trattmann“ und „Vigna Ganger“ vom Hochplateau Mazon zählen zu den Referenzen des Südtiroler Pinot Noir. Nicht minder bekannt sind der Vernatsch „Gschleier Alte Reben“ von 80 bis 110 Jahre alten Stöcken und der Weißburgunder „Flora“. Vier Linien – Classici, Vigneti, Flora und Solisti – spannen den Bogen vom Alltagswein bis zur Spitze.
Geschichte
Die Geschichte der Kellerei Girlan beginnt 1923: 24 Weinbauern aus Girlan schlossen sich zusammen und richteten in einem historischen Bauernhof aus dem 16. Jahrhundert eine gemeinsame Kellerei ein. Ihr Startkapital waren gerade einmal rund 25 Hektar Reben – ein bescheidener Anfang in einer Zeit, in der Kleinbauern ihre Trauben allein kaum vermarkten konnten. Erster Obmann war der Weinbauer Johann Kofler.
In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Genossenschaft stetig. Prägend wurde ab 1961 Kellermeister Valentin Spitaler, unter dem der legendäre Vernatsch „Fass Nr. 9“ entstand – ein Wein, der Anfang der 1960er-Jahre erstmals abgefüllt wurde und bis heute nur in den besten Jahrgängen erzeugt wird. Ab 1975 trieb Hartmuth Spitaler die Qualitätsoffensive voran; aus dieser Zeit stammt auch der Fokus auf den Vernatsch aus der Lage Gschleier. 1980 folgte der erste Blauburgunder vom Trattmannhof in Mazon – der Grundstein für den späteren Ruf als Pinot-Noir-Spezialist.
Seit 2012 verantwortet Gerhard Kofler als Kellermeister die Weine. Im selben Jahr wurde der „Vigna Ganger“ aus der Monopollage Ganger in Mazon ins Programm aufgenommen. 2016 bezog die Kellerei einen Neubau mit zeitgemäßer Architektur, der Produktion, Reifekeller und Verkostungsräume unter einem Dach vereint. 2023 feierte die Genossenschaft ihr hundertjähriges Bestehen.
Lage & Terroir
Girlan liegt auf etwa 450 Metern Meereshöhe im Überetsch, dem Hügelland zwischen Bozen und dem Kalterer See. Das Klima ist mild und sonnenreich, zugleich sorgen die nächtlichen Fallwinde aus den Bergen für deutliche Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht – ideale Voraussetzungen für aromatische Weißweine und feingliedrige Rotweine.
Die Böden rund um Girlan sind eiszeitlichen Ursprungs: Die Reben wurzeln in Moränenschotter, durchsetzt mit Porphyr-Verwitterungsgestein. Die Lage Gschleier oberhalb von Girlan ist auf rund 450 Metern die klassische Heimat des Vernatsch; hier stehen noch Pergel-Anlagen mit 80 bis 110 Jahre alten Stöcken. In Plattenriegl auf 450 bis 540 Metern wachsen Weißburgunder und Sauvignon, in Schreckbichl Chardonnay und Blauburgunder.
Ein zweites Standbein liegt weiter südlich im Unterland: Das Hochplateau von Mazon oberhalb von Neumarkt gilt als eine der besten Blauburgunder-Herkünfte Südtirols. Die Monopollage Ganger liegt dort auf 360 bis 380 Metern mit südwestlicher Ausrichtung auf Ton- und Kalkböden – eine Kombination, die dem Pinot Noir Struktur und Länge verleiht.
Stil & Philosophie
Die Kellerei Girlan versteht sich als Genossenschaft, die den Weinberg in den Mittelpunkt stellt. Der Kellermeister pflegt engen Kontakt zu den Mitgliedsbetrieben und berät sie während der gesamten Vegetationsperiode – von der Laubarbeit bis zur Bestimmung des Lesezeitpunkts. So entsteht ein Sortiment, das trotz der Vielzahl an Lieferanten eine klare Handschrift trägt.
Diese Handschrift ist Eleganz statt Wucht: Die Blauburgunder werden auf Feinheit, Frische und Lagerfähigkeit hin ausgebaut, nicht auf Konzentration. Beim Vernatsch setzt Girlan bewusst auf die alten Pergel-Reben, deren geringe Erträge einem eigentlich leichten Wein Tiefe und Reifepotenzial geben. Bei den Weißweinen steht die Sortentypizität im Vordergrund – Weißburgunder mit Spannung und Struktur, Chardonnay mit Reifepotenzial.
Das Sortiment ist in vier Linien gegliedert: Die Classici sind sortenreine, zugängliche Weine für den Alltag. Die Vigneti stammen aus ausgewählten Lagen. Die Flora-Linie vereint Riserven und gereifte Selektionen. An der Spitze stehen die Solisti – Weine mit einer eigenen Identität, das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit an einzelnen Parzellen.
Bekannte Lagen & Weine
Die Solisti
- Trattmann Blauburgunder Riserva – der Klassiker aus Mazon und dem Überetsch (380 bis 550 Meter), seit 1980 im Programm und über ein Jahrzehnt in Folge mit den „Tre Bicchieri“ des Gambero Rosso ausgezeichnet
- Vigna Ganger Blauburgunder Riserva – aus der Monopollage Ganger in Mazon, mit 15 bis 20 Jahren Reifepotenzial der Spitzenwein des Hauses
- Gschleier Alte Reben Vernatsch – von 80 bis 110 Jahre alten Pergel-Reben in Gschleier, ein Vernatsch mit ungewöhnlicher Tiefe und rund zehn Jahren Reifepotenzial
- Curlan Chardonnay Riserva und Curlan Blauburgunder Riserva – aus den Girlaner Lagen Gschleier und Schreckbichl auf 450 bis 500 Metern
Weitere Aushängeschilder
- Weißburgunder „Flora“ – die Riserva-Version der Sorte, mit Reife und Struktur
- Weißburgunder „Plattenriegl“ – aus der gleichnamigen Höhenlage, frisch und mineralisch
- Lagrein „Patricia“ – Riserva aus der autochthonen roten Sorte Südtirols
- Vernatsch „Fass Nr. 9“ – der legendäre Wein aus der Vigneti-Linie, nur in den besten Jahrgängen erzeugt
Auszeichnungen
Die Kellerei Girlan gehört zu den meistprämierten Erzeugern Südtirols. Der Trattmann Blauburgunder Riserva erhielt über ein Jahrzehnt in Folge die „Tre Bicchieri“ des Gambero Rosso – eine Konstanz, die kaum ein anderer italienischer Pinot Noir erreicht. Der Vigna Ganger wurde von Robert Parkers Wine Advocate mit 96+ Punkten bewertet, und der Gschleier Alte Reben Vernatsch wurde vom britischen Decanter Magazine als einer der besten Weine Italiens ausgezeichnet. Hinzu kommen regelmäßig Spitzenbewertungen in Falstaff, Vinum und den Südtiroler Weinführern. Die Weine werden in über 30 Länder exportiert.
