Zusammenfassung
Das Weingut Wöhrle in Lahr ist so etwas wie das grüne Gewissen des badischen Breisgaus: Schon 1991 – als Bio im Weinberg noch als Spinnerei galt – stellte Hans Wöhrle den ehemals städtischen Betrieb komplett auf ökologischen Weinbau um. Heute führen sein Sohn Markus Wöhrle und dessen Frau Tanja das Gut, das rund 18 Hektar in etwa 60 Parzellen am Schutterlindenberg bewirtschaftet. Mehr als 80 % der Fläche gehören der Burgunderfamilie – Spätburgunder, Grauburgunder, Weißburgunder, Auxerrois und Chardonnay – und genau dafür ist Wöhrle bekannt: präzise, trockene Burgunder aus VDP-klassifizierten Lagen wie Herrentisch, Gottsacker und der Kirchgasse im Alleinbesitz.
Geschichte
Die Geschichte des Weinguts beginnt nicht mit einer Winzerdynastie, sondern mit einer mutigen Entscheidung: 1979 pachteten Hans und Monika Wöhrle das städtische Weingut der Stadt Lahr. Hans Wöhrle war eigentlich Kaufmann und hatte den Weinbau bis dahin nur nebenbei betrieben – nun richtete er den Betrieb von Grund auf neu aus.
Die zweite große Weichenstellung folgte 1991: Wöhrle stellte die gesamte Rebfläche auf ökologischen Weinbau um und ließ sich zertifizieren. In Südbaden war das damals Pionierarbeit; die meisten Kollegen hielten Bio im Weinberg für ein Risiko, das sich nicht rechnet. 1997 kaufte die Familie das Gut schließlich von der Stadt.
2002 stieg Sohn Markus Wöhrle in den Betrieb ein. Er hatte in Geisenheim studiert und zuvor mehrere Jahre im Pfälzer Spitzenweingut Müller-Catoir gearbeitet – unter dem legendären Kellermeister Hans-Günter Schwarz, dessen Schule der Präzision und Reinheit man den Wöhrle-Weinen bis heute anmerkt. Seit dem Jahrgang 2013 führen Markus und Tanja Wöhrle das Gut in eigener Verantwortung; 2014 wurde aus dem sperrigen Namen „Weingut der Stadt Lahr“ endgültig das Weingut Wöhrle.
Lage & Terroir
Lahr liegt im nördlichen Breisgau, dort, wo der Schwarzwald in die Oberrheinebene ausläuft. Die Weinberge des Guts verteilen sich auf rund 60 Parzellen am Schutterlindenberg, einem Höhenzug, der sich als Vorberg des Schwarzwalds über die Stadt erhebt. Die Hänge sind nach Süden und Südwesten ausgerichtet und profitieren von einem der wärmsten Klimata Deutschlands – ideal für Burgundersorten, die hier zuverlässig ausreifen, ohne ihre Frische zu verlieren.
Die Böden sind das eigentliche Kapital: Löss und Lösslehm über anstehendem Kalkmergel und kalkhaltigem Konglomeratgestein. Sie sind tiefgründig und fruchtbar, speichern Wasser gut und geben den Weinen die typische Mischung aus Fülle und Struktur. Weil der Betrieb seit über 30 Jahren ohne Herbizide und synthetische Dünger arbeitet, sind die Weinbergsböden lebendig und humusreich – für die Familie Wöhrle die wichtigste Grundlage für Weine mit eigenständigem Charakter.
Stil & Philosophie
Bei Wöhrle gilt ein einfacher Grundsatz: Weinbau nur im Einklang mit der Natur. Der Betrieb arbeitet nach den Kriterien des Ecovin-Verbands, hält die Weinberge begrünt, verzichtet auf synthetische Pflanzenschutzmittel und setzt auf ein intaktes Ökosystem im Weinberg. Die intensive Handarbeit an den Rebstöcken – Laubarbeit, Ertragsreduzierung, selektive Lese – bereitet den Boden für einen Keller, in dem möglichst wenig eingegriffen wird.
Stilistisch sind die Weine klar, trocken und präzise. Die Weißburgunder-Familie – Weißburgunder, Grauburgunder, Auxerrois und Chardonnay – zeigt sich straff und mineralisch, mit reifer Frucht, aber ohne Schwere; die Spitzenweine reifen im Holz, ohne dass das Fass die Frucht dominiert. Der Spätburgunder macht rund ein Drittel der Produktion aus und ist eher auf Eleganz und feine Tannine als auf Wucht angelegt – ein badischer Pinot Noir, der die Kalkböden des Schutterlindenbergs spürbar macht.
Die Weine folgen der VDP-Klassifikation in vier Stufen: Gutsweine als Einstieg, Ortsweine aus Lahr, Weine aus der Ersten Lage und schließlich die Großen Gewächse aus den Großen Lagen.
Bekannte Lagen & Weine
Die Spitze des Sortiments kommt aus vier klassifizierten Lagen am Schutterlindenberg:
- Herrentisch – VDP.Grosse Lage, die Paradelage des Guts für Spätburgunder und Chardonnay, kalkgeprägt und warm
- Kirchgasse – VDP.Grosse Lage im Alleinbesitz der Familie Wöhrle, Quelle für Große Gewächse aus Weiß- und Spätburgunder
- Gottsacker – VDP.Grosse Lage, ebenfalls Herkunft für Große Gewächse
- Lahrer Kronenbühl – VDP.Erste Lage, Basis für die Erste-Lage-Weine und die Ortsweine aus Lahr
Neben den Burgundern findet sich mit Riesling, Gelbem Muskateller und Rieslaner ein kleines, aromatisches Gegenprogramm im Sortiment. Für den Einstieg lohnen die Ortsweine aus Lahr: Sie zeigen den Wöhrle-Stil – Frische, Reinheit, Kalk – zu einem sehr fairen Preis.
Auszeichnungen
Wöhrle zählt seit Jahren zu den verlässlichsten Adressen Badens. Die großen deutschen Weinführer bewerten das Gut durchweg hoch: Eichelmann führt es mit viereinhalb von fünf Sternen, Vinum und Falstaff mit vier Sternen, Gault&Millau mit dreieinhalb Trauben. 2020 nahm Vinum das Weingut zudem in seine Reihe „Unique Wineries of the World“ auf. Bei den Golden Grape Awards holten Weißburgunder, Spätburgunder und Grauburgunder zuletzt mehrfach Gold in der Premium-Kategorie. Der größte Verdienst bleibt aber ein anderer: Wöhrle hat gezeigt, dass ökologischer Weinbau und Spitzenqualität in Baden schon seit 1991 kein Widerspruch sind.
