Zusammenfassung
Xavier Vignon ist an der südlichen Rhône so etwas wie der Mann hinter den Kulissen: Als Berater-Önologe hat er über Jahrzehnte die Weine von Spitzenhäusern wie Château La Nerthe, Domaine de Beaurenard, Château Mont-Redon oder Château de la Gardine mitgeprägt. Seit 2002 füllt er unter eigenem Namen ab – zunächst als reiner Négociant, seit gut zehn Jahren zunehmend aus eigenen Reben. Heute bewirtschaftet das Haus rund 37 Hektar, davon etwa 16 Hektar im Cru Beaumes-de-Venise, und keltert daneben Châteauneuf-du-Pape, Gigondas, Vacqueyras und Côtes du Rhône. Vignons Markenzeichen: die Kunst der Assemblage – über Rebsorten, Parzellen und sogar Jahrgänge hinweg – und eine Experimentierfreude, die im selbst erfundenen Vinarium gipfelt.
Geschichte
Bevor Xavier Vignon 1996 an die südliche Rhône kam, hatte er als Önologe bereits in Bordeaux, Champagne, im Napa Valley und in Australien gearbeitet. Die Entscheidung für die Region fiel angeblich auf einem Hügel oberhalb des Dorfes Suzette, mit Blick auf die zackigen Kalkgrate der Dentelles de Montmirail. Er ließ sich nieder, machte sich als Berater einen Namen und gründete parallel ein önologisches Analyselabor. Von 2003 bis 2012 leitete er zudem das Labor des Institut Œnologique de Champagne in Sorgues, bevor er sich stärker den eigenen Weinen widmete.
Der Schritt zum eigenen Etikett war eher Zufall als Plan. Bei seiner Beratertätigkeit hatte Vignon aus verschiedenen Crus kleine Mengen zusammengestellt – eigentlich zum Verschenken. Freunde reichten die Flaschen beim Guide Hachette ein, gleich mehrere Weine landeten im Führer, einer aus dem Ventoux sogar mit einem „Coup de cœur". Als danach die Anfragen kamen, ließ er sich als Négociant registrieren: 2002 entstand daraus das Haus Xavier Vins. 2007 folgte die erste Cuvée Anonyme aus Châteauneuf-du-Pape, bis heute das Aushängeschild.
Nach dem Verkauf seines Labors begann Vignon, eigene Weinberge zu kaufen – vor allem in Beaumes-de-Venise, wo er heute rund 16 Hektar besitzt und als Co-Präsident des Cru auch die Appellation vertritt. Dazu kamen Parzellen in Vacqueyras, Ventoux und Châteauneuf-du-Pape. Aus dem reinen Handelshaus wurde so ein Hybrid aus Domaine und Négociant.
Lage & Terroir
Der Firmensitz liegt an der Route de Sorgues am Rand von Châteauneuf-du-Pape, der Keller im kleinen Dorf Lafare am Fuß der Dentelles de Montmirail, und in Beaumes-de-Venise betreibt das Haus einen Verkostungsraum. Der Schwerpunkt der eigenen Reben liegt in Beaumes-de-Venise – einer Appellation, die Vignon gern als die mit „zwei Gesichtern" beschreibt: Sie steht seit 2005 als Cru für trockene Rotweine und ist gleichzeitig Heimat des süßen Muscat de Beaumes-de-Venise.
Die Weinberge dort steigen von etwa 100 auf bis zu 500 Meter Höhe an. Geologisch ist das Gebiet ungewöhnlich vielfältig: weiße Kreideböden, graue Jura-Böden und die berühmten Trias-Mergel, die den Rotweinen ihre würzige, fast salzige Note verleihen. In Châteauneuf-du-Pape greift Vignon auf ein Netz von rund 120 Parzellen zurück – eigene wie zugekaufte –, sodass er die typischen Böden der Appellation (Galets roulés, Sand, Kalk und Lehm) je nach Jahrgang kombinieren kann. Der Klimawandel treibt ihn um: Er erntet heute rund vier Wochen früher als vor 20 Jahren und pflanzt bevorzugt höher gelegene und nach Norden ausgerichtete Lagen.
Stil & Philosophie
„Blending is life" – der Verschnitt ist für Xavier Vignon nicht Notlösung, sondern Herzstück. Er kombiniert Rebsorten, Parzellen und Terroirs und geht noch einen Schritt weiter: Nach dem Vorbild der Champagne mit ihren Reserveweinen verschneidet er auch Jahrgänge, etwa in seiner mehrjährigen Réserve aus Châteauneuf-du-Pape. Sein Anspruch ist Präzision statt Wucht: Rund 80 Prozent der Reben, mit denen er arbeitet, sind alt, die Erträge klein, und die Weine sollen ihren Alkohol tragen, ohne schwer zu wirken.
Die spektakulärste Erfindung des Hauses ist das Vinarium: ein Tank von rund 7.000 Litern, in dem fünf 200-Liter-Barriques an Edelstahlreifen hängen und vollständig von Wein umgeben sind. Der Wein im Fass reift so ohne jeden Sauerstoffkontakt, während der umgebende Wein – Vignon nennt ihn „Fruchtwasser" – im Tank fertig gärt. Entstanden ist die Idee aus dem Problem trockener Tannine in heißen Jahrgängen; heute betreibt das Haus zehn dieser Vinarien, Ausbau bis zu 24 Monate, mit langem Hefelager und minimalem Schwefeleinsatz. Einen Vorläufer gab es sogar: Versuche mit Weinreifung im Meer, die an den Zollbehörden scheiterten.
Bekannte Lagen & Weine
Das Sortiment ist in Serien gegliedert – von den „Originals" der klassischen Rhône-Crus bis zu experimentellen Abfüllungen:
- Cuvée Anonyme – das Aushängeschild aus Châteauneuf-du-Pape, in Rot und in Weiß (Roussanne, Grenache Blanc, Clairette)
- La Réserve – ein jahrgangsübergreifender Châteauneuf-du-Pape-Blend, etwa aus den Jahrgängen VII, IX und X
- Arcane-Serie – limitierte Cuvées nach Tarotkarten: La Papesse (Châteauneuf-du-Pape), L’Impératrice und L’Ermite (Gigondas), L’Étoile (Beaumes-de-Venise)
- Intra & Extra – im Vinarium ausgebaute Weine, darunter ein Côtes-du-Rhône-Weißwein aus Grenache Blanc, Clairette, Piquepoul und Marsanne
- SM Côtes du Rhône – ein ungewöhnlicher Verschnitt aus Grenache der südlichen und Syrah der nördlichen Rhône
- Gigondas, Vacqueyras, Beaumes-de-Venise Rouge und Muscat de Beaumes-de-Venise
Auszeichnungen
Den Anfang machte der Guide Hachette, der um die Jahrtausendwende gleich mehrere Weine Vignons aufnahm und einen davon mit einem „Coup de cœur" auszeichnete. Die Cuvée Anonyme erreicht im Wine Advocate regelmäßig Bewertungen im Bereich von 93 bis 94 Punkten. Jüngere Verkostungen, etwa durch den britischen Kritiker Jamie Goode, bewerten die Vinarium-Cuvées Intra und Extra mit 94 bis 95 Punkten und den Gigondas Arcane L’Impératrice 2023 mit 94 Punkten. Mindestens ebenso wichtig für seinen Ruf ist aber die Beraterliste: Wer die Weine von La Nerthe, Beaurenard, Mont-Redon, Raymond Usseglio oder Grand Veneur schätzt, hat Vignons Handschrift vermutlich schon im Glas gehabt.
