Zusammenfassung
Schloss Reinhartshausen in Erbach gehört zu den geschichtsträchtigsten Adressen des Rheingaus – und zu den ältesten Weingütern der Welt: Weinbau ist hier seit 1337 belegt. Auf rund 80 Hektar, davon etwa 80 Prozent Riesling, entstehen Weine aus einer außergewöhnlichen Lagensammlung: der Erbacher Schlossberg als Monopol im Alleinbesitz, dazu Marcobrunn, Siegelsberg, Hohenrain sowie Nussbrunnen und Wisselbrunnen in Hattenheim. Eine Besonderheit, die es sonst nirgends in Deutschland gibt, ist die Mariannenaue – eine Rheininsel und Naturschutzgebiet, auf der das Gut rund 24 Hektar bewirtschaftet. Seit 2013 führt die Pfälzer Winzerfamilie Lergenmüller den Betrieb, seit 2021 arbeitet er zertifiziert biologisch.
Geschichte
Die Wurzeln des Guts liegen im Rittersitz der Ritter zu Erbach, der bereits im 12. Jahrhundert bezeugt ist. Für den Weinbau gilt das Jahr 1337 als Ankerpunkt – seither wird an diesem Ort ununterbrochen Wein erzeugt, was Schloss Reinhartshausen in die kleine Gruppe der ältesten Weingüter weltweit stellt. Das heutige Schlossgebäude entstand 1801, als der damalige Besitzer Clemens August von Westphalen den alten Rittersitz abreißen und an seiner Stelle das klassizistische Schloss errichten ließ.
Die prägendste Figur der Gutsgeschichte kam 1855: die niederländische Prinzessin Marianne von Oranien-Nassau. Sie machte Reinhartshausen zu einem kulturellen Zentrum am Rhein, trug eine bedeutende Kunstsammlung zusammen und stiftete 1861 die erste evangelische Kirche im Rheingau. Nach ihrem Tod 1883 ging das Anwesen an ihren Sohn Prinz Albrecht von Preußen über und blieb bis 1987 in preußischem Familienbesitz.
Danach folgten mehrere Eigentümerwechsel: 1987 erwarb der Unternehmer Willi Leibbrand Schloss und Weingut und sanierte die Anlage bis Anfang der 1990er-Jahre; das Schloss wurde zum Hotel. 2013 schließlich übernahm die Winzerfamilie Lergenmüller aus der Pfalz das Weingut – seither ist der Betrieb wieder in Winzerhand.
Lage & Terroir
Erbach liegt im Kernstück des Rheingaus, jenem Abschnitt, in dem der Rhein nach Westen abknickt und die Hänge dadurch nach Süden ausgerichtet sind. Der Taunus im Rücken schirmt kalte Nordwinde ab, der breite Strom davor speichert Wärme und wirft Licht in die Reben zurück. Genau diese Kombination macht den Rheingau seit Jahrhunderten zu einer der besten Riesling-Landschaften der Welt.
Die Erbacher Lagen ziehen sich vom Fluss den sanften Hang hinauf. Nahe am Rhein liegen tiefgründige, oft lehmig-mergelige Böden, die kräftige, füllige Rieslinge hervorbringen – der Marcobrunn ist dafür das klassische Beispiel. Weiter oben, Richtung Kiedrich, werden die Böden steiniger und die Weine straffer und mineralischer.
Ein Terroir für sich ist die Mariannenaue, die Rheininsel vor Erbach. Rundum vom Wasser umschlossen, erlebt sie mildere Nächte und weniger Spätfröste als das Festland; im Herbst begünstigen Flussnebel die Edelfäule und damit hochwertige süße Prädikatsweine. Weil die Insel unter Naturschutz steht, wächst hier Weinbau in einem ungewöhnlich naturnahen Umfeld heran.
Stil & Philosophie
Die Handschrift des Guts unter der Familie Lergenmüller lässt sich mit drei Worten fassen: Geduld, Präzision und reduzierte Kellertechnik. Ziel ist, dass jede der großen Lagen ihr eigenes Profil zeigt, statt einer über alles gelegten Kellerhandschrift. Die Rieslinge werden überwiegend trocken ausgebaut, ergänzt um feinherbe Kabinett- und Spätlese-Weine sowie edelsüße Auslesen aus guten Botrytis-Jahren.
Seit 2021 ist der Betrieb zertifiziert biologisch – ein Schritt, der zur Insel- und Naturschutzlage gut passt. Parallel wird experimentiert: mit PIWI-Sorten, mit fast vergessenen historischen Rebsorten und mit Schaumweinen bis hin zum PetNat. Mit Laurenz Lergenmüller als leitendem Kellermeister ist zudem die nächste Generation im Keller angekommen, was dem traditionsreichen Haus spürbar frischen Wind gibt.
Bekannte Lagen & Weine
Das Herz des Guts ist seine Lagensammlung in Erbach und Hattenheim:
- Erbacher Schlossberg – Monopollage im Alleinbesitz des Weinguts
- Erbacher Marcobrunn – eine der berühmtesten Rieslinglagen Deutschlands
- Erbacher Siegelsberg und Erbacher Hohenrain
- Hattenheimer Nussbrunnen und Hattenheimer Wisselbrunnen
- Mariannenaue – rund 24 Hektar auf der Rheininsel, ein eigenes Mikroterroir
Das Sortiment reicht vom unkomplizierten Gutsriesling über Ortsweine bis zu den Lagenweinen aus diesen Spitzenparzellen. Dazu kommen Grauburgunder, Spätburgunder und ein wachsender Sektbereich.
Auszeichnungen
Schloss Reinhartshausen ist in den führenden deutschen Weinführern und Verkostungen regelmäßig vertreten. Bei der Berliner Wein Trophy wurden unter anderem Rieslinge aus dem Hattenheimer Wisselbrunnen sowie Guts- und Rotweine des Hauses mit Goldmedaillen bedacht. Wichtiger als einzelne Medaillen ist aber der Ruf, den die Lagen selbst tragen: Marcobrunn und Schlossberg gehören seit dem 19. Jahrhundert zu den Namen, die den Weltruhm des Rheingauer Rieslings begründet haben – und Schloss Reinhartshausen ist das Gut, über das sie bis heute zugänglich sind.
