Zusammenfassung
Das Weingut Gutzler in Gundheim gehört zu den Betrieben, die den Wonnegau im Süden von Rheinhessen in den letzten Jahrzehnten von einer verschlafenen Ecke zu einer der spannendsten Weinlandschaften Deutschlands gemacht haben. Aus einem gemischten Bauernhof mit Acker, Vieh und ein paar Reben entwickelte Gerhard Gutzler ab Ende der 1970er-Jahre ein reines Weingut mit klarer Handschrift: Spätburgunder als Leitsorte, dazu Riesling und die weißen Burgundersorten. Heute führen sein Sohn Michael Gutzler und dessen Frau Christine den Betrieb mit rund 17 bis 19 Hektar, darunter Parzellen in vier VDP.Großen Lagen wie dem berühmten Westhofener Morstein. Sekt und eine eigene Destillerie runden das Profil ab.
Geschichte
Die Wurzeln der Familie Gutzler liegen in einem klassischen Gemischtbetrieb, wie er in Rheinhessen lange üblich war: Ackerbau, Viehzucht und ein bisschen Weinbau. Der entscheidende Wandel begann Ende der 1970er-Jahre, als Gerhard Gutzler, Sohn des damaligen Inhabers, in den Betrieb einstieg und ihn konsequent auf Wein ausrichtete. 1985 übernahmen die Brüder Gutzler den Familienbetrieb, gaben ihm ein neues Konzept und ergänzten ihn um eine Sektmanufaktur.
Gerhard Gutzler holte sich seine Inspiration ausgerechnet in der Champagne – nicht nur für den Sekt, den die Familie bereits seit den 1970er-Jahren produziert, sondern auch für seine Vorstellung von großen Weinen. Er baute die Rebsortenstruktur um und setzte auf klassische Sorten, vor allem Spätburgunder und Riesling. In einer Region, die damals fast ausschließlich für einfache Weißweine bekannt war, war das eine mutige Entscheidung. Ab 1995 begann er mit Dichtpflanzung nach burgundischem Vorbild: rund 8.500 Stöcke pro Hektar statt der üblichen 4.000 bis 5.000. Mitte der 1990er-Jahre kam außerdem eine Destillerie hinzu, die ursprünglich aus der Pfalz stammte – Gerhard Gutzler soll damals zu den besten Brennern Europas gezählt haben.
Michael Gutzler begann im Jahr 2000 seine Ausbildung und sammelte Erfahrung in Luxemburg, an der Ahr und in Südtirol, bevor er 2004/2005 vollständig in den Familienbetrieb einstieg. 2006 wurde das Gut in den VDP aufgenommen, Mitte der 2010er-Jahre folgte die Umstellung auf zertifiziert ökologischen Weinbau. Nach dem Tod von Gerhard Gutzler im April 2017 übernahmen Michael und Christine Gutzler die Leitung.
Lage & Terroir
Gundheim liegt im Wonnegau, dem südlichsten Teil Rheinhessens zwischen Alzey und Worms. Das Gebiet ist klimatisch begünstigt: warm, trocken und durch Hügelketten vor den rauesten Wetterlagen geschützt. Lange galt der Wonnegau als Hinterland, bis Winzer aus Westhofen, Flörsheim-Dalsheim und den umliegenden Orten zeigten, welches Potenzial in den Kalkböden steckt.
Genau diese Böden sind der Schlüssel zum Stil von Gutzler. In Westhofen stehen die Reben auf schwerem Ton und Mergel mit hohem Kalkanteil – ein Untergrund, der dem Spätburgunder Struktur und dem Riesling Griff und Länge gibt. In Worms, im historischen Liebfrauenstift-Kirchenstück, dominieren dagegen Löss über rotem Sand und Kies; hier entstehen weichere, aromatischere Weine. Dazu kommen die Hausparzellen rund um Gundheim und der Höllenbrand in Gundersheim, wo sich Kalk und lehmige Böden abwechseln.
Weil das Gut auf mehrere Gemeinden verteilt ist, kann Michael Gutzler mit sehr unterschiedlichen Bodenprofilen arbeiten. Die dichte Pflanzung sorgt dafür, dass jeder einzelne Stock nur wenige Trauben trägt – die Erträge liegen im Schnitt bei etwa 7.500 Litern pro Hektar, in manchen Jahren deutlich darunter.
Stil & Philosophie
Bei Gutzler sollen die Weine „nicht nur den Boden widerspiegeln, auf dem sie wachsen, sondern auch uns selbst" – so formuliert es die Familie. Dahinter steht eine Mischung aus Tradition und Offenheit: Man arbeitet mit alten, teils fast 40 Jahre alten Chardonnay-Reben und pflegt historische Sorten wie Blauer Arbst, Fränkischer Burgunder und Schwarzblauer Riesling, greift aber zugleich auf moderne Kellertechnik zurück.
Die Weißweine reifen in der Regel auf der Feinhefe im Edelstahl und bleiben dadurch klar, straff und sortentypisch. Die Rotweine dagegen kommen ins große Holzfass oder ins Barrique – das Gut ist Mitglied im Deutschen Barrique Forum. Das Ergebnis sind Spätburgunder mit Kraft und Dichte, die aber durch die Kalkböden ihre Eleganz behalten. Wer sie mit Ahr-Pinots vergleicht, merkt schnell den Unterschied: mehr Wärme, mehr Körper, weniger Schiefer-Kühle.
Seit Mitte der 2010er-Jahre arbeitet das Weingut zertifiziert ökologisch und ist zusätzlich nach dem Nachhaltigkeitsstandard Fair Choice zertifiziert. Auch beim Sekt bleibt man konsequent: Chardonnay, Riesling und Pinot Noir werden in traditioneller Flaschengärung ausgebaut. Und aus der Destillerie kommen Tresterbrände und Obstbrände, die den Betrieb zu einem der wenigen VDP-Güter mit eigener Brennerei machen.
Bekannte Lagen & Weine
Das Herzstück sind die vier VDP.Großen Lagen, in denen Gutzler Parzellen besitzt:
- Westhofener Morstein – die Ikone des Wonnegaus, Kalkmergel unter Lehm, Quelle der Großen Gewächse aus Spätburgunder und Riesling
- Westhofener Brunnenhäuschen – kalkreicher Hang mit Eisenanteil, bei Gutzler vor allem für Spätburgunder genutzt
- Gundersheimer Höllenbrand – warme Kalklage, ebenfalls für Spätburgunder klassifiziert
- Wormser Liebfrauenstift-Kirchenstück – die historische Lage rund um die Liebfrauenkirche, Ursprung des Namens „Liebfrauenmilch", hier für einen kraftvollen Riesling
Dazu kommen VDP.Erste Lagen wie die Westhofener Steingrube sowie Ortsparzellen in Gundheim (Sonnenberg, Mandelbrunnen, Hungerbiene), Dorn-Dürkheim (Römerberg) und Gundersheim.
Zu den bekanntesten Weinen zählen:
- Morstein Spätburgunder Großes Gewächs – das Aushängeschild des Guts
- Morstein Riesling Großes Gewächs – dicht, salzig, langlebig
- Brunnenhäuschen und Höllenbrand Spätburgunder Großes Gewächs
- Liebfrauenstift-Kirchenstück Riesling Großes Gewächs
- Gutsweine und Ortsweine aus Spätburgunder, Riesling, Weißburgunder, Grauburgunder und Silvaner
- Sekt in traditioneller Flaschengärung sowie Edelbrände aus der eigenen Destillerie
Die Jahresproduktion liegt bei rund 100.000 Flaschen.
Auszeichnungen
Schon um die Jahrtausendwende wurde das Gut mehrfach mit dem Staatsehrenpreis Rheinland-Pfalz ausgezeichnet. In den großen deutschen Weinführern ist Gutzler seit vielen Jahren fest verankert: Gault&Millau vergab drei Trauben, Eichelmann stieg von dreieinhalb auf vier Sterne, und wein.plus führt das Gut unter den besten Erzeugern des Landes. Der Feinschmecker zählte Gutzler zu den rund 240 besten Weingütern Deutschlands.
Auch in jüngster Zeit reißt die Serie nicht ab: Bei den Golden Grape Awards 2024 und 2025 holten Riesling und Spätburgunder mehrfach Gold, und die Großen Gewächse aus dem Morstein gehören regelmäßig zu den höchstbewerteten Rotweinen Rheinhessens. Für eine Familie, die vor gut 40 Jahren noch Vieh gehalten hat, ist das ein bemerkenswerter Weg – und ein Beleg dafür, dass Spätburgunder im Wonnegau längst nicht mehr die Ausnahme ist.
