Weinregionen

Jura - Vin Jaune und oxidative Weinkunst

11. Dezember 2025
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Alles über die Weinregion Jura: Vin Jaune, Savagnin, oxidativer Stil, Château-Chalon, Naturwein-Pioniere und die besten Weingüter.

Jura - Vin Jaune und oxidative Weinkunst

Zusammenfassung / Auf einen Blick

Das Jura ist eine der außergewöhnlichsten und eigenwilligsten Weinregionen Frankreichs – ein Ort, wo Tradition und Avantgarde Hand in Hand gehen. Eingekeilt zwischen Burgund und der Schweiz, erstrecken sich die Weinberge über 80 Kilometer entlang der Jura-Berge. Hier entstehen Weine, die nirgendwo sonst auf der Welt zu finden sind: der legendäre Vin Jaune, oxidativ ausgebaut und mit nussig-würziger Komplexität, sowie eine neue Generation von Naturweinen, die international Kultstatus genießen.

Das Jura ist klein (nur etwa 2.000 Hektar), aber seine Einzigartigkeit ist enorm. Autochthone Rebsorten wie Savagnin, Poulsard und Trousseau, kombiniert mit uralten Vinifikationsmethoden und innovativen Naturwein-Ansätzen, machen diese Region zu einem Mekka für Weinliebhaber, die das Besondere suchen.

Quick Facts:

  • Lage: Ostfrankreich, zwischen Burgund und Schweiz, Jura-Berge
  • Größe: ca. 2.000 Hektar Rebfläche
  • Klima: Kontinental mit alpinen Einflüssen, kühle Winter, warme Sommer
  • Hauptrebsorten: Savagnin (Weiß), Chardonnay, Poulsard, Trousseau, Pinot Noir
  • Weinstile: Vin Jaune (oxidativ), Vin de Paille (Süßwein), Naturweine, Crémant
  • Besonderheit: Vin Jaune in 620ml Clavelin-Flaschen, erste AOC Frankreichs (Arbois 1936)

Geographie und Klima

Das Jura erstreckt sich über etwa 80 Kilometer von Nord nach Süd entlang der westlichen Ausläufer des Jura-Gebirges, zwischen den Städten Salins-les-Bains im Norden und Saint-Amour im Süden. Die Weinberge liegen auf 200 bis 400 Metern Höhe an süd- bis südwestexponierten Hängen mit Neigungen zwischen 10 und 40 Prozent.

Das Klima ist kontinental mit alpinen Einflüssen: kalte, schneereiche Winter, warme Sommer, aber mit deutlichen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht. Der nahegelegene Jura-Gebirgszug schützt die Weinberge vor extremen Wetterlagen, bringt aber auch kühlere Temperaturen als im benachbarten Burgund.

Die Böden sind von jurassischer und triassischer Herkunft – daher der Name der Region. Blauer und schwarzer Mergel (Ton-Kalkstein-Gemisch) sowie Kalkstein dominieren und verleihen den Weinen eine ausgeprägte Mineralität und Salzigkeit. Diese kühlen, kalkhaltigen Böden sind perfekt für die langsame Reifung der autochthonen Rebsorten.

Rebsorten

Savagnin

Savagnin (in der Schweiz Païen genannt) ist die Star-Rebsorte des Jura und Grundlage des legendären Vin Jaune. Diese spätreifende, säurereiche Weißweintraube bringt Weine von außergewöhnlicher Komplexität hervor – nussig, würzig, mit Aromen von grünem Apfel, Curry, Walnuss und Heu. Savagnin kann sowohl traditionell (ouillé = aufgefüllt) als auch oxidativ (non-ouillé = nicht aufgefüllt) ausgebaut werden.

Chardonnay

Chardonnay ist die zweite wichtige weiße Rebsorte und wird sowohl sortenrein als auch in Cuvées mit Savagnin vinifiziert. Jura-Chardonnays zeigen eine burgundische Eleganz mit deutlicher Mineralität und Säurestruktur – oft frischer und straffer als ihre berühmten Nachbarn aus der Côte d'Or.

Poulsard

Poulsard (auch Ploussard geschrieben) ist eine autochthone rote Rebsorte mit dünner Schale, die leichte, helle Rotweine und elegante Rosés hervorbringt. Die Weine sind säurebetont, filigran und zeigen Aromen von roten Beeren, Kirsche und floralen Noten – eher burgundische Eleganz als mediterrane Kraft.

Trousseau

Trousseau ist die robusteste rote Rebsorte des Jura und bringt tanninreiche, würzige Weine mit mehr Struktur und Lagerpotenzial. Aromen von dunklen Kirschen, Gewürzen, Tabak und erdigen Noten charakterisieren diese Sorte. Trousseau ist ein exzellenter Blending-Partner für Poulsard.

Pinot Noir

Pinot Noir rundet das rote Sortiment ab und wird ähnlich wie im Burgund vinifiziert – kühl, elegant, mit feiner Frucht und zurückhaltender Extraktion.

Weinstile

Vin Jaune (Gelber Wein)

Der König der Jura-Weine. Vin Jaune wird ausschließlich aus Savagnin gekeltert und mindestens sechs Jahre und drei Monate in alten Barriques ausgebaut – ohne Auffüllung (non-ouillé). Dabei entwickelt sich eine Hefeschicht (Florhefe, ähnlich wie bei Sherry), die den Wein vor vollständiger Oxidation schützt, aber dennoch einen oxidativen Stil ermöglicht. Das Ergebnis: ein trockener Weißwein von unglaublicher Komplexität mit Noten von Walnuss, Curry, getrockneten Früchten, Heu und salziger Mineralität. Vin Jaune wird in speziellen 620ml-Clavelin-Flaschen abgefüllt (die Menge, die nach 6 Jahren Reifung übrig bleibt). Château-Chalon ist die Grand Cru-Appellation ausschließlich für Vin Jaune.

Vin de Paille (Strohwein)

Ein süßer, konzentrierter Wein aus Chardonnay, Savagnin oder Poulsard, deren Trauben nach der Lese auf Strohmatten oder Holzgestellen getrocknet werden. Nach drei Monaten Trocknung werden die rosinenartigen Beeren gepresst und der hochkonzentrierte Most über mindestens drei Jahre in Barriques ausgebaut. Vin de Paille ist golden, süß, mit Aromen von Honig, Trockenfrüchten, Karamell und Gewürzen – ein dessert- und käsetauglicher Schatz.

Traditionelle Weine (Ouillé)

Savagnin und Chardonnay werden auch traditionell ausgebaut: mit regelmäßigem Auffüllen der Fässer (ouillé), um Oxidation zu vermeiden. Diese Weine sind frischer, fruchtiger und zugänglicher als die oxidativen Varianten.

Naturweine

Das Jura ist ein Hotspot der Naturwein-Bewegung. Winzer wie Ganevat, Labet und Overnoy produzieren Weine mit minimaler Intervention: spontane Gärung, keine oder minimale Schwefelzugabe, ungeschönte und ungefilterte Weine. Diese Weine sind lebendig, manchmal funky, immer charaktervoll und international gefeiert.

Crémant du Jura

Hochwertige Schaumweine nach traditioneller Flaschengärung aus Chardonnay, Pinot Noir und Poulsard – eine unterschätzte Alternative zur Champagne.

Top Weingüter

Domaine Stéphane Tissot

  • Adresse: 39600 Arbois
  • Website: stephane-tissot.com
  • Spezialität: Biodynamische Weine, Vin Jaune, Arbois, Château-Chalon
  • Auszeichnungen: Einer der Top-Produzenten des Jura
  • Seit 1999 biologisch, seit 2004 biodynamisch bewirtschaftete 50 Hektar. Stéphane Tissot ist ein Pionier und produziert ein breites Spektrum von klassischem Vin Jaune bis zu modernen, eleganten Chardonnays.

Domaine Labet

  • Adresse: 39190 Rotalier
  • Website: domainelabet.com
  • Spezialität: Naturweine, keine Sulfitzugabe seit 2015, Terroir-Weine
  • Julien Labet übernahm mit seinen Geschwistern das familiäre Weingut, stellte auf Bio um und produziert seit 2015 Naturweine ohne zugesetzte Sulfite. Die Weine – besonders die Terroir-Chardonnays wie "Les Varrons" und "Chalasses" – gehören zu den gefragtesten des Jura. Pure, lebendige, elektrisierend gute Weine.

Domaine Jean-François Ganevat

  • Adresse: 39190 Rotalier (Revermont, Süd-Jura)
  • Website: domaine-ganevat.com
  • Spezialität: Naturweine, Einzel-Parzellen, oxidative und klassische Stile
  • Jean-François Ganevat, ehemaliger Önologe bei Jean-Marc Morey im Burgund, übernahm 1998 sein Weingut und revolutionierte den Jura-Wein. Er produziert eine verwirrende Vielfalt an Cuvées, alle mit präzisem Terroir-Ausdruck. Kultstatus bei Naturwein-Fans weltweit.

Domaine de la Pinte

  • Adresse: 39600 Arbois
  • Website: domainedelapinte.fr
  • Spezialität: Arbois AOC, biodynamisch, Vin Jaune
  • Eines der ältesten Weingüter des Jura, seit 1999 biodynamisch bewirtschaftet. Klassische, terroir-geprägte Weine.

Domaine André et Mireille Tissot (Bénédicte et Stéphane Tissot)

  • Adresse: 39600 Montigny-lès-Arsures
  • Website: domaine-andre-tissot.com
  • Spezialität: Vin Jaune, Arbois, Trousseau
  • Traditionelles Weingut mit außergewöhnlichen Vin Jaune-Weinen.

Château d'Arlay

  • Adresse: 39140 Arlay
  • Website: arlay.com
  • Spezialität: Historisches Schloss-Weingut, Vin Jaune, Vin de Paille
  • Eines der renommiertesten und traditionsreichsten Weingüter mit Schloss und Park – ein Must-See für Besucher.

Unterregionen / Appellationen

Das Jura hat sechs AOCs:

Arbois AOC

Die größte und bekannteste Appellation (ca. 900 Hektar, 12 Gemeinden). Erste AOC Frankreichs (1936). Alle Weinstile erlaubt: Rot, Weiß, Rosé, Vin Jaune, Vin de Paille, Crémant. Zentrum: die Stadt Arbois mit ihrem historischen Weinerbe.

Château-Chalon AOC

Die prestigeträchtigste Appellation, ausschließlich für Vin Jaune (50 Hektar, vier Gemeinden: Château-Chalon, Ménétru-le-Vignoble, Domblans, Névy-sur-Seille). Der Grand Cru des Vin Jaune. Die Böden aus blauem und schwarzem Mergel sowie Kalkstein sind einzigartig. Die Qualitätsanforderungen sind extrem hoch.

L'Étoile AOC

Kleine Appellation (ca. 80 Hektar) um die Gemeinde L'Étoile, bekannt für Weißweine und Vin Jaune. Die Böden enthalten kleine fossile Seesterne (étoiles = Sterne), die der Region ihren Namen gaben.

Côtes du Jura AOC

Die größte Appellation flächenmäßig, erstreckt sich über die gesamte Region. Alle Weinstile erlaubt. Viele der modernen Naturwein-Produzenten arbeiten unter dieser Appellation.

Crémant du Jura AOC

Schaumwein-Appellation für die gesamte Region. Traditionelle Flaschengärung (Méthode Traditionnelle).

Macvin du Jura AOC

Vin de Liqueur: Most wird mit Marc (Trester-Schnaps) angereichert und in Fässern gereift. Süß, würzig, als Aperitif oder Digestif.

Weinbaugeschichte

Der Weinbau im Jura reicht bis in die Römerzeit zurück. Im Mittelalter prägten Klöster die Weinkultur – besonders die Abtei von Château-Chalon, deren Äbtissinnen (die vier Generationen Adelstitel nachweisen mussten) hervorragende Weine produzierten und an europäische Adelshäuser vertrieben. Das älteste Dokument über die Abtei stammt von König Lothar aus dem Jahr 869.

Im 19. Jahrhundert erlebte das Jura eine Blütezeit mit über 20.000 Hektar Rebfläche. Dann kam die Reblaus-Katastrophe Ende des 19. Jahrhunderts, die die Region fast auslöschte. Viele Winzer gaben auf, andere pflanzten ertragreichere, internationale Sorten.

1936 wurde Arbois zur ersten AOC Frankreichs überhaupt – ein stolzer Meilenstein. Doch die Region blieb klein und relativ unbekannt.

Die Renaissance begann in den 1980er/90er Jahren mit Pionieren wie Pierre Overnoy, der Naturwein ohne Schwefel produzierte und eine ganze Generation inspirierte. Stéphane Tissot trieb biodynamischen Weinbau voran. Jean-François Ganevat und Julien Labet brachten Burgund-Knowhow und Naturwein-Philosophie ins Jura.

Heute ist das Jura ein Kult-Ziel für Weinliebhaber: klein, authentisch, mit Weinen, die nirgendwo sonst zu finden sind.

Herausforderungen und Zukunft

Klimawandel: Das Jura profitiert von wärmeren Temperaturen – die schwierige Reifung von Savagnin und Trousseau wird einfacher. Aber Extremwetter (Frost, Hagel, Starkregen) nimmt zu. 2021 verloren viele Weingüter große Teile der Ernte durch Frost.

Begrenzte Fläche: Mit nur 2.000 Hektar ist das Jura winzig. Die Nachfrage nach Jura-Weinen – besonders Naturweinen – übersteigt das Angebot bei Weitem. Preise steigen, manche Weine sind kaum zu bekommen.

Naturwein-Hype: Das Jura ist Zentrum der Naturwein-Bewegung. Das bringt internationale Aufmerksamkeit, aber auch Risiken: Hype führt zu Spekulationspreisen, Fälschungen und Enttäuschung bei Konsumenten, wenn nicht jeder Wein perfekt ist. Die Balance zwischen Tradition und Experiment bleibt eine Herausforderung.

Nachwuchs: Eine junge, dynamische Winzergeneration übernimmt traditionelle Weingüter und bringt frische Ideen. Das Jura zieht junge Winzer aus aller Welt an, die hier ihre Weinträume verwirklichen.

Weintourismus: Die Region profitiert vom wachsenden Interesse an authentischem Weintourismus. Die Infrastruktur (Hotels, Restaurants, Weingut-Besuche) entwickelt sich langsam, bleibt aber bewusst klein und charmant.

Meine persönliche Empfehlung

Das Jura ist meine Lieblingsregion für Wein-Abenteuer. Nirgendwo sonst findest du diese Kombination aus tiefer Tradition, radikaler Innovation und unvergleichlichen Weinen.

Mein Lieblingsweingut: Domaine Labet in Rotalier. Julien Labet und seine Geschwister machen Weine, die mich jedes Mal umhauen – so präzise, lebendig und ehrlich. Ihre Terroir-Chardonnays (besonders "Les Varrons") sind schlicht großartig: mineralisch, komplex, mit unglaublicher Länge. Die Verkostungen sind entspannt und persönlich – du sitzt in ihrem kleinen Keller, probierst direkt aus dem Fass, und Julien erklärt leidenschaftlich seine Philosophie. Absolut authentisch. Vorher anmelden!

Geheimtipp für Vin Jaune: Wenn du Vin Jaune probieren willst, aber nicht 50€+ für eine Flasche ausgeben möchtest, probiere einen Arbois Savagnin im oxidativen Stil (non-ouillé). Er wird nicht sechs Jahre ausgebaut, aber du bekommst einen ersten Eindruck vom nussig-würzigen Charakter – für 15-25€. Später investiere in einen echten Château-Chalon Grand Cru.

Weinwanderung: Wandere von Château-Chalon (das malerische Dorf thront auf einem Felsen) hinunter ins Tal nach Voiteur. Der Weg führt durch Weinberge mit spektakulären Ausblicken. Dauer: ca. 2 Stunden. In Château-Chalon gibt es kleine Weinkeller für Verkostungen – probiere unbedingt Vin Jaune und Vin de Paille. In Voiteur kannst du im Café du Caveau einkehren.

Kulinarischer Tipp: Jura-Weine passen perfekt zu Comté-Käse (kommt ebenfalls aus der Region!). Besonders die Kombination Vin Jaune + alter Comté (24 Monate+) ist legendär. Auch Coq au Vin Jaune (Huhn in Vin Jaune-Sauce mit Morcheln) ist ein Klassiker. Das Restaurant La Finette in Arbois serviert hervorragende regionale Küche.

Beste Reisezeit: September/Oktober während der Vendange (Weinlese). Die Landschaft ist golden, die Stimmung festlich, viele Weingüter öffnen ihre Türen. Das Fête du Biou (erstes September-Wochenende) in Arbois ist ein traditionelles Erntefest mit Prozession, Musik und Wein. Auch der erste Samstag im Februar ist besonders: Die Percée du Vin Jaune – ein riesiges Fest, bei dem der neue Jahrgang Vin Jaune angestochen wird. Jedes Jahr in einem anderen Dorf. Ein Must für Jura-Fans!

Ein Tipp für Anfänger: Starte nicht mit Vin Jaune, wenn du oxidative Weine nicht gewohnt bist. Beginne mit einem Crémant du Jura oder Chardonnay Côtes du Jura, um dich an die Stilistik zu gewöhnen. Dann probiere einen Savagnin ouillé (traditioneller Stil), bevor du zum oxidativen Stil übergehst. Das Jura braucht Zeit zum Verstehen – aber es lohnt sich!