Weinregionen

Setúbal - Moscatel und maritime Weine aus Lissabons Nachbarschaft

12. Dezember 2025
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Entdecke Setúbal: Portugals unterschätzte Weinregion nahe Lissabon mit legendärem Moscatel-Dessertwein, maritimem Klima und innovativen Weingütern.

Setúbal - Moscatel und maritime Weine aus Lissabons Nachbarschaft

Zusammenfassung / Auf einen Blick

Setúbal ist eine der vielseitigsten und am meisten unterschätzten Weinregionen Portugals. Nur 50 Kilometer südlich von Lissabon gelegen, umfasst die Península de Setúbal ein breites Spektrum an Weinstilen – von kraftvollen Rotweinen bis zu eleganten Weißweinen. Doch der wahre Star ist der Moscatel de Setúbal, ein süßer, aromatischer Dessertwein, der seit Jahrhunderten als einer der großen verstärkten Weine Portugals gilt. Das warme maritime Klima, die Vielfalt der Böden und die Nähe zum Atlantik schaffen ideale Bedingungen für charaktervolle, terroir-geprägte Weine.

Quick Facts:

  • Lage: Península de Setúbal, zwischen Tejo- und Sado-Mündungen, 50 km südlich von Lissabon
  • Größe: 20.000 Hektar Rebfläche gesamt (DOC Setúbal + Palmela: 10.000 ha)
  • Klima: Warm, maritim, mediterran, beeinflusst von Atlantik und Serra de Arrábida
  • Hauptrebsorten: Moscatel de Setúbal, Castelão, Aragonês, Arinto
  • Weinstile: Moscatel-Dessertwein, kraftvolle Rotweine, frische Weißweine
  • Besonderheit: Moscatel de Setúbal – Portugals dritter großer Dessertwein nach Port und Madeira

Geographie und Klima

Die Weinregion Setúbal (bis 2009 "Terras do Sado" genannt) umfasst die Península de Setúbal zwischen den Flussmündungen des Tejo im Norden und des Sado im Süden sowie die Halbinsel Tróia. Die Region grenzt im Westen an den Atlantik und wird im Süden durch das imposante Gebirgsmassiv Serra de Arrábida (bis zu 501 Meter hoch) geschützt.

Die Böden sind vielfältig: Im Norden (Palmela-Region) dominieren kalkhaltige Lehmböden, im Süden (Serra de Arrábida) findet man Kalkstein und Schiefer, in Küstennähe sandige Böden. Diese Vielfalt ermöglicht eine breite Palette an Weinstilen.

Das Klima ist mediterran mit maritimem Einfluss: Die Sommer sind heiß und trocken (oft über 35°C), die Winter mild und regenreich (durchschnittlich 700-800 mm Niederschlag pro Jahr). Der Atlantik bringt kühlende Brisen, die die extremen Temperaturen mildern, besonders in den Küstenlagen. Die Serra de Arrábida wirkt als natürliche Barriere gegen kalte Nordwinde und schafft geschützte, warme Mikroklimata.

Die Kombination aus Wärme, maritimer Frische und Schutz durch die Berge macht Setúbal ideal für sowohl kräftige Rotweine als auch aromatische Süßweine.

Rebsorten

Moscatel de Setúbal (Muscat of Alexandria)

Die ikonische Rebsorte der Region. Moscatel belegt nur etwa 330 Hektar – eine kleine, aber prestigeträchtige Fläche. Die großbeerigen Moscatel-Trauben entwickeln intensive Aromen von Orangenblüten, Honig, Aprikosen und exotischen Früchten. Der verstärkte Dessertwein Moscatel de Setúbal ist ein Meisterwerk: süß, komplex, mit langer Lagerfähigkeit (30-50+ Jahre).

Castelão (Periquita)

Die wichtigste rote Rebsorte der Region. Castelão bringt kraftvolle, fruchtige Rotweine mit würzigen Noten, moderaten Tanninen und guter Struktur. Besonders in der DOC Palmela ist Castelão dominant.

Aragonês (Tempranillo)

Auch als Tinta Roriz bekannt, bringt Aragonês Struktur, Tannin und Alterungspotenzial. Oft in Cuvées mit Castelão verwendet.

Arinto

Die wichtigste weiße Rebsorte für Stillweine. Arinto liefert knackige Säure, Zitrusaromen und Mineralität – perfekt für frische, sommerliche Weißweine.

Fernão Pires (Maria Gomes)

Aromatische weiße Rebsorte mit floralen und fruchtigen Noten. Wird sowohl für Stillweine als auch für Verschnitte verwendet.

Weinstile

Moscatel de Setúbal (Dessertwein): Der Klassiker. Die Trauben werden mit den Schalen fermentiert (teilweise bis zu 6 Monate), dann wird hochprozentiger Brandy (Aguardente) zugegeben, um die Gärung zu stoppen. Das Ergebnis: süße, aromatische Weine mit mindestens 18% Alkohol. Es gibt verschiedene Stile:

  • Moscatel de Setúbal (Standard): Mindestens 18 Monate Reifung
  • Moscatel de Setúbal Superior: Mindestens 5 Jahre Reifung
  • Moscatel de Setúbal 20 Jahre / 30 Jahre: Lange Fassreifung, bernsteinfarben, enorm komplex

Palmela DOC (Rotwein): Kraftvolle, fruchtbetonte Rotweine, hauptsächlich aus Castelão. Modern ausgebaut, oft mit internationalen Rebsorten (Syrah, Cabernet Sauvignon) verschnitten. Zugänglich, fruchtig, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Setúbal Rotwein: Vielfältiger als Palmela, umfasst traditionelle und moderne Stile. Von leichten, fruchtigen Alltagsweinen bis zu komplexen, barriquegereiften Spitzenweinen.

Weißwein: Frische, mineralische Weißweine aus Arinto oder Fernão Pires. Oft mit Atlantik-Frische, zitrusfruchtig, knackig – perfekt zu Meeresfrüchten.

Vinho Regional Península de Setúbal: Regionale Weine ohne DOC-Beschränkungen, oft experimentell mit internationalen Rebsorten.

Top Weingüter in Setúbal

José Maria da Fonseca

  • Adresse: Rua José Augusto Coelho 11-13, 2925-513 Azeitão
  • Website: jmfonseca.pt
  • Spezialität: Moscatel de Setúbal seit 1834, 20 und 30 Jahre alte Gewächse
  • Auszeichnungen: Ältester Moscatel-Produzent, international renommiert
  • Das historische Weingut ist DER Moscatel-Spezialist. Die "Alambre"-Linie (handgekorbte Flaschen) ist legendär. Der 20-jährige Moscatel ist ein Meisterwerk – bernsteinfarben, Aromen von getrockneten Aprikosen, Orangenschale, Karamell, unendlich lang im Abgang.

Casa Ermelinda Freitas

  • Adresse: Quinta da Mimosa, 2925-901 Palmela
  • Website: ermelindafreitas.pt
  • Spezialität: Seit 1920 von Frauen geführt (einzigartig in Portugal!), Moscatel und Palmela-Rotweine
  • Auszeichnungen: "Wein des Jahres 2024" (Festivo), Top-Produzent
  • Deonilde Freitas gründete 1920 das Weingut, heute führt es die vierte Frauengeneration. Die Weine sind modern, präzise, ausgezeichnet. Der "Moscatel Roxo" (aus seltener roter Moscatel-Mutation) ist einzigartig.

Quinta da Bacalhôa

  • Adresse: Vila Nogueira de Azeitão, 2925-901 Azeitão
  • Website: bacalhoa.pt
  • Spezialität: Historisches Anwesen (15. Jahrhundert), Premium-Rotweine, Moscatel
  • Besonderheit: Prachtvoller Palast mit Gärten und Azulejos, ein Gesamtkunstwerk
  • Das Weingut ist ein architektonisches Juwel. Die Weine sind klassisch-elegant, der Moscatel traditionell. Besuch lohnt sich allein für die Gärten!

Adega de Pegões (Cooperativa)

  • Adresse: Rua da Adega, 2985-024 Pegões
  • Website: adegadepegoes.pt
  • Spezialität: Genossenschaft von 120 Winzern, bio-zertifiziert
  • Besonderheit: Größter Bio-Weinproduzent Portugals
  • Moderne, gut gemachte Weine zu fairen Preisen. Die "Loios"-Linie ist exzellent, der Moscatel ein Schnäppchen.

Caves Aliança

  • Adresse: Rua do Comércio, 2925-414 Foros de Azeitão
  • Website: cavesalianca.pt
  • Spezialität: Traditionshaus seit 1927, breites Portfolio
  • Besonderheit: Unterirdische Kellerei mit Museum
  • Klassische, zuverlässige Weine. Der Moscatel de Setúbal ist traditionell, korrekt, gut.

Quinta de Camarate

  • Adresse: Rua Marquês de Pombal 7, 2925-537 Azeitão
  • Website: quintadecamarate.pt
  • Spezialität: Boutique-Weingut, Fokus auf Moscatel und Premium-Rotweine
  • Auszeichnungen: Parker-Bewertungen, internationale Anerkennung

Unterregionen

Setúbal umfasst zwei Haupt-DOC-Regionen:

DOC Palmela: Der nördliche Teil der Halbinsel, rund um die Stadt Palmela. Fokus auf Rotweine aus Castelão. Kalkhaltige Lehmböden, etwas kühler durch Atlantiknähe. Die Weine sind kraftvoll, fruchtig, würzig.

DOC Setúbal (Moscatel de Setúbal): Eng begrenzt auf die besten Moscatel-Lagen, hauptsächlich rund um Azeitão und an den Hängen der Serra de Arrábida. Nur hier darf Moscatel de Setúbal produziert werden – eine streng geschützte Herkunftsbezeichnung.

Terras do Sado (IGP): Die größere regionale Klassifizierung, erlaubt mehr Flexibilität bei Rebsorten und Stilen.

Die wichtigsten Weinorte sind Azeitão (das Herz der Moscatel-Produktion), Palmela (Rotwein-Zentrum) und Pegões (Bio-Schwerpunkt).

Weinbaugeschichte

Weinbau auf der Setúbal-Halbinsel reicht bis in die Römerzeit zurück – archäologische Funde belegen Amphoren-Produktion. Die Mauren setzten den Weinbau fort (obwohl Alkohol verboten war, nutzten sie Trauben für Tafeltrauben und Rosinen).

Der Moscatel de Setúbal wurde erstmals im 15. Jahrhundert dokumentiert. Während des portugiesischen Seefahrer-Zeitalters wurde der süße Wein in die ganze Welt exportiert – besonders beliebt in England, Flandern und Brasilien.

1834 gründete José Maria da Fonseca seine Kellerei in Azeitão und systematisierte die Moscatel-Produktion. Sein Nachfahre Inacio da Fonseca perfektionierte die Methode: Fermentation mit Schalen, Brandy-Zugabe, lange Fassreifung.

Im 20. Jahrhundert erlebte Setúbal Höhen und Tiefen. Die Reblaus-Krise, politische Unruhen (Nelkenrevolution 1974) und Landflucht ließen viele Weinberge verschwinden. Aber in den 1990er Jahren kam die Renaissance: Modernisierung, neue Kellertechnologie, internationales Marketing.

2009 wurde die Region von "Terras do Sado" in "Península de Setúbal" umbenannt, um die Identität zu stärken. Heute ist Setúbal auf dem Vormarsch – jung, innovativ, selbstbewusst.

Herausforderungen und Zukunft

Urbanisierung: Die Nähe zu Lissabon ist Fluch und Segen. Immobilienentwicklung frisst Weinberge – Palmela und Azeitão sind begehrt für Wohnsiedlungen und Tourismus.

Moscatel-Nische: Moscatel de Setúbal ist ein Nischenprodukt. Dessertweine sind out of fashion, der Markt schrumpft. Nur 330 Hektar Moscatel sind verblieben – Tendenz rückläufig.

Imageproblem: Setúbal leidet im Schatten von Douro, Alentejo und Vinho Verde. Viele Konsumenten kennen die Region nicht. Marketing und Aufklärung sind nötig.

Klimawandel: Hitzewellen und Trockenheit nehmen zu. 2024 war ein Rekord-Hitzejahr. Bewässerung wird kritischer, besonders für Castelão (anfällig für Trockenheit).

Nachhaltigkeit: Adega de Pegões führt mit Bio-Zertifizierung, andere folgen. Das warme Klima erleichtert biologischen Anbau (weniger Pilzkrankheiten).

Zukunftspotenzial: Setúbal hat Potenzial als "urbane Weinregion" – Weintourismus für Lissaboner und Touristen. Die Serra de Arrábida ist spektakulär, die Weingüter charmant. Moscatel könnte als "portugiesischer Sauternes" positioniert werden.

Meine persönliche Empfehlung

Setúbal ist eine Überraschung – und das meine ich im besten Sinne. Die Region ist so nah an Lissabon, aber fühlt sich rural, authentisch, ungekünstelt an.

Mein Lieblingsweingut: José Maria da Fonseca ist ein Muss. Die Kellerei in Azeitão ist ein Museum und Produktionsstätte zugleich. Die Führung durch die alten Fassräume (manche Fässer sind über 100 Jahre alt!) ist faszinierend. Und dann probierst du den 20-jährigen Moscatel de Setúbal – bernsteinfarben, viskos, mit Aromen von getrockneten Aprikosen, Orangenschale, Honig, einem Hauch Vanille. Der Wein ist süß, aber nicht klebrig – die Säure balanciert perfekt. Er kostet ca. 30-35 Euro für 500ml und ist jeden Cent wert.

Preis-Leistungs-Tipp: Der Casa Ermelinda Freitas "Moscatel de Setúbal" (Standard, ca. 12-15 Euro) ist ein Schnäppchen. Sauber, aromatisch, mit Aprikosen- und Orangenblüten-Aromen. Perfekt zu Blauschimmelkäse oder Crème Brûlée.

Frauen-Power: Casa Ermelinda Freitas ist seit 1920 von Frauen geführt – eine Seltenheit in der Weinwelt. Die Tour durch das Weingut wird oft von Leonor Freitas (4. Generation) persönlich geleitet. Sie erzählt die Geschichte ihrer Ur-Großmutter Deonilde, die 1920 als Frau ein Weingut gründete – unglaublich mutig für die Zeit. Der "Moscatel Roxo" (aus roter Moscatel-Mutation) ist einzigartig – rötlich schimmernd, mit Noten von roten Beeren, Rosenblättern, Karamell.

Food Pairing: Moscatel de Setúbal ist vielseitiger als man denkt. Mein Lieblings-Match: Queijo Azeitão (lokaler Schafskäse, cremig, leicht salzig) mit 20-jährigem Moscatel. Der salzige Käse, die süße, komplexe Note des Weins – Magie! Im Restaurant "Quinta de Alcube" in Azeitão bekommst du diese Kombination perfekt serviert.

Landschafts-Tipp: Fahrt auf die Serra de Arrábida – die Straße schlängelt sich durch Weinberge, Pinienwälder, mit spektakulären Ausblicken auf den Atlantik. Am Convento da Arrábida (altes Kloster) könnt ihr anhalten, wandern, die Stille genießen. Viele Weingüter liegen an den Hängen – spontane Verkostungen sind oft möglich.

Beste Reisezeit: Mai/Juni oder September/Oktober. Im Sommer ist es zu heiß (über 35°C), im Winter regnerisch. Im Frühling sind die Weinberge grün, die Temperaturen angenehm (20-25°C). Im September ist Lese – viele Weingüter öffnen für Besucher.

Insider-Tipp: Besucht das Museu do Trabalho Michel Giacometti in Setúbal-Stadt – es zeigt die Geschichte der Konservenindustrie (Setúbal war berühmt für Sardinen-Konserven) und die Verbindung zu Wein und Essen. Skurril, aber faszinierend.

Wein-Mitbringsel: Der José Maria da Fonseca "Moscatel de Setúbal 20 Anos" (500ml, ca. 30-35 Euro) ist das perfekte Souvenir. Er hält ewig (habe Flaschen aus den 1970ern getrunken – noch lebendig!), ist ein Gesprächsstarter und schmeckt nach Portugal in konzentrierter Form.

Ein Hinweis: Moscatel de Setúbal ist kein Aperitif-Wein. Er ist ein Meditation-Wein – nach dem Essen, mit Käse, oder einfach pur. Nehmt euch Zeit, genießt die Komplexität, lasst den Wein im Glas atmen. Das ist kein Wein für die Eile.